Warum bloggst Du?

Eventuell haben Sie bemerkt, dass Ihr Lieblingsblog am heutigen Tage temporär abgeschaltet wurde und sich aufgrund dessen verwundert gefragt, warum ein mehr oder weniger erfolgreicher HipHop-Blog in der Blütezeit unserer HipHop-Kultur an den Ruhestand denkt. Vermutlich sind es jedoch gerade die Nebenwirkungen dieses Aufschwungs, die Ihrem Lieblingsblogger momentan die Freude an der Bloggerei verderben. Lassen Sie mich dies für Sie nachfolgend ein wenig erläutern.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich möchte meine Lieblingskünstler nicht für mich alleine behalten. Aufgrund meiner weitreichenden Tätigkeiten zur Verbreitung der HipHop-Kultur sollte ich dieses Motivs wahrlich unverdächtig sein. Vielmehr freue ich mich inständig über jeden erdenklichen Erfolg meiner Lieblingsrapper, der diese dazu in die Lage versetzt, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Musik zu bestreiten. Man ist schließlich kein Unmensch.

Es sind jedoch die Nebeneffekte dieser prinzipiell begrüßenswerten Entwicklung, die mich mehr und mehr die Sinnhaftigkeit dieser Plattform anzweifeln lassen. Ich erinnere mich nur allzu gut an Unterhaltungen mit Künstlern, die ihrer Dankbarkeit darüber Ausdruck verliehen, dass ihnen mit diesem Blog eine relativ renommierte Plattform geboten wurde, da sie von allen anderen HipHop-Medien ignoriert wurden. An Mainstream-Medien wie Spiegel Online oder die Süddeutsche Zeitung war seinerzeit noch nicht im Entferntesten zu denken. Diese Zeiten haben sich geändert. HipHop findet überall statt und viele Rapper, die anfangs fast ausschließlich auf "Herr Merkt spricht über HipHop" stattgefunden haben, werden nun teils über Genregrenzen hinweg wahrgenommen und sind in der öffentlichen Wahrnehmung mittlerweile stärker mit anderen Plattformen wie zum Beispiel dem VBT verknüpft. Ich freue mich darüber. Es kann für einen HipHop-Blog kaum ein schöneres Kompliment geben als dass beinahe alle Künstler, die man früher wohlwollend medial begleitete, oben angekommen sind oder in der Hierarchie zumindest relativ weit oben stehen.

Man freut sich darüber, eine ganze Generation von Rappern auf ihrem Weg nach oben ein Stück weit begleitet zu haben, um dann irgendwo unterwegs abgehängt und "vergessen" zu werden. Dies ist eine normale Entwicklung, denn mit dem Erfolg kommen die Verpflichtungen: Aufnahmen für das kommende Album, ausverkaufte Konzertreisen, Fankommunikation mittels sozialer Medien und Pressetage. Ich würde keinem Künstler empfehlen, auch nur einen dieser Aspekte zu vernachlässigen. Der Anhängende und der Medienbetrieb möchte bei Laune gehalten werden. Und es werden immer mehr Medien, die ein Stück von den Kunstschaffenden aus der Sparte Deutschrap abhaben möchten.

Vor diesem Hintergrund ist es schon beinahe schmeichelhaft, als mehr oder weniger erfolgreicher HipHop-Blog ein Interview mit einem vermutlich demnächst erfolgreichen Rapstar angeboten zu bekommen. Weniger schmeichelhaft ist es dann, wenn tatsächlich geführte Interviews den Fans verschwiegen und mit keinem Wort über die Kanäle der Künstler kommuniziert werden. Offenbar ist man es als Blog nicht mehr wert, im Kanon der Beiträge auf rap.de, hiphop.de, 16bars, Mixery Raw Deluxe, JUICE, Spiegel Online und Konsorten erwähnt zu werden. Das ist OK, aber warum um alles in der Welt lassen Sie mich dann für ein Interview anfragen und machen sich die Mühe, die Fragen zu beantworten? Damit verschwenden Sie doch Ihre und meine Zeit!

Die Problematik dieser Entwicklungen auf Seiten der Künstler verstärkt sich dadurch, dass das Ideal eines mündigen Internet-Nutzers nicht mehr existiert bzw. noch niemals existierte. Man hat sich daran gewöhnt, nur Medienangebote zu besuchen, die einem von engen Freunden oder neuerdings auch Idolen auf Facebook und / oder Twitter vorgegeben werden. Dadurch verbreiten sich vorrangig die Inhalte, die von wenigen Quellen (hier: Künstlern) in Umlauf gebracht werden. Wenn sich diese Quellen darauf beschränken, nur noch auf Inhalte größerer Angebote zu verweisen, dann führt dies zu einer negativen Gewichtung zu Lasten der kleineren Angebote. Dabei ist dieses Faktum nicht einmal verwerflich. Auch ich wäre stolzer auf einen wohlwollenden Beitrag auf Spiegel Online oder bei der Süddeutschen Zeitung als auf "Herr Merkt spricht über HipHop". Vor allem wenn ich die Berichterstattung auf "Herr Merkt spricht über HipHop" schon gewohnt wäre. Also keine harten Gefühle deswegen!

Viel ärgerlicher ist der nachfolgende Kritikpunkt, von dem ich mich jedoch auch selbst nicht freimachen kann. Dies ist die Faszination, die von Trash, Kontroversen und Katastrophen ausgeht und die dafür verantwortlich ist, dass Angebote wie RapUpdate und JuliensBlog eine weit größere Reichweite als "Herr Merkt spricht über HipHop" und "Herr Merkt Radio" haben. Der Erfolg gibt diesen Angeboten Recht, allerdings fragt man sich, ob sich der Aufwand für diese Plattform weiterhin lohnt, wenn man auf Facebook oder Twitter nur noch über geteilte Inhalte dieser Plattformen und Money Boy stolpert? Wenn Sie weiterhin mehr oder minder serös geführte Blogs haben möchten, dann teilen Sie auch deren Inhalte. Teilen Sie nicht nur das, was Sie lächerlich und / oder schlecht finden. Zumindest dann, wenn es Ihnen eigentlich um die Musik geht!

Ein weiterer Themenkomplex, der das Leben eines mehr oder minder erfolgreichen Bloggers ungemein erschwert ist die Tatsache, dass alle immer etwas von einem wollen. Meistens verhält man sich als Künstler dabei nett, aber auch nur solange, bis man eine negative Antwort erhalten hat. Dann ist man als Blogger auf einmal irrelevant und sowieso ein Spast. Dabei bin ich mir jedoch nicht einmal sicher, ob diese Künstler das größte Problem sind, da man nach einer kurzen Verbalinjurie nie wieder etwas von diesen Zeitgenossen hört.

Vielmehr stören mich diejenigen Künstler, die eine einmalige Berichterstattung damit verwechseln, dass ich nun auf Lebenszeit als kostenlose PR-Agentur für all ihre weiteren Produkte sowie die Produkte ihrer kompletten Entourage fungiere. In ihrem Übereifer übersehen sie dabei auch gerne einmal, dass das zu bewerbende Werk bereits in der Download-Sektion des Blogs verlinkt wurde oder in extremen Fällen sogar schon einen eigenen Beitrag erhielt. Dabei verlange ich nicht einmal von Künstlern, vor dem Absenden einer Massenmail zu überprüfen, ob jeder Empfänger schon etwas über das Produkt geschrieben hat. Allerdings ist es meiner Meinung nach nicht zu viel verlangt, dass sie kurz meinen Blog überprüfen, bevor sie mich persönlich bei Facebook anschreiben und dadurch eine umgehende Antwort provozieren möchten. Und wenn ich auf Anfragen nicht reagiere, bin ich wohl gerade beschäftigt oder finde das Thema nicht interessant. Es gibt also kaum einen Grund, mich wiederholt anzuschreiben.

Mindestens genauso ärgerlich sind die Werbeagenturen, die nun offenbar die HipHop-Blogs für sich entdeckt haben und diese mit absolut nutzlosen Pressemitteilungen zu Veröffentlichungen norwegischer Ska-Bands, finnischer Folklore oder Radwegen im bergischen Land zumüllen.

Sie sehen, dass es jede Menge Gründe dafür gibt, diese ganze Bloggerei einfach sein zu lassen. Warum also trotzdem weitermachen? Macht der Gewohnheit? Liebe zur HipHop-Kultur? Oder sind es doch diese unbezahlbaren Momente, in denen man von seinen Lieblingskünstlern in welcher Form auch immer Respekt gezollt bekommt?

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