Herr Merkt spricht mit HipHop: Megaloh

"Endlich unendlich" bei amazon
Werte Damen und Herren,
nachdem Sie Megaloh mit dem Mixtape "Auf ewig" bereits in Kauflust versetzte, veröffentlicht der sympathische Zeremonienmeister am 08.03.2013 nach unendlich langer Wartezeit endlich seinen Tonträger "Endlich unendlich". Anlässlich dieses freudigen Anlasses stand mir Megaloh für ein Interview zur Verfügung. Zur musikalischen Untermalung Ihres Lesegenusses möchte ich Ihnen die ausführlichen Hörproben zum Album nachdrücklich an die Herzen legen! Alternativ beziehungsweise ergänzend dazu stehen bei MyVideo Acappelas zu Auszügen aus allen Anspielstationen des Tonträgers zur Rezeption bereit. Sie wissen, was zu tun ist!

Guten Tag der Herr. Als Anhänger der ersten Stunde ist es mir eine große Ehre, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Fragen zu beantworten.
Vielen Dank, dass Sie mir hier Platz einräumen! Und natürlich für die jahrelange Unterstützung durch kompetente Berichterstattung!

Besitzen Sie die Güte, für meine Leserinnen und Leser jüngeren Alters ein paar Worte über Ihre Anfänge im Bereich HipHop zu verlieren?
Ich könnte sicher Bände darüber berichten. Legenden ranken sich und auch auf Wikipedia gibt es einige Informationen diesbezüglich. Ich ziehe es vor, Ihnen das aus meiner Sicht Wichtigste zu nennen:
1993 nahm ich meinen ersten Rap bewusst wahr. Es war die LP "Doggystyle" von Snoop Doggy Dogg und sie provozierte direkt den ersten Raptext vom damals noch rapnamenlosen 12-jährigen Jungen, der ich war. Bis dahin kannte ich Rap höchstens in der Form von Dancefloormucke à la 2 Unlimited.
Es war der Beginn einer völlig neuen Lebenseinstellung. Die Hosen begannen zu hängen und Wu-Tang-Texte wurden gelernt als ginge es um eine 1 im Englisch-LK. Der Skill wurde jahrelang im Verborgenen geschliffen und um die Jahrtausendwende war ich in einer Rapcrew, zu der auch KD-Supier gehörte. Es dauerte aber bis 2001, bis ich anfing auf Deutsch zu texten und erst durch die Begegnung mit Kurupt und dessen Bekenntnis zu meinem möglichen Talent, kam dann auch der Schritt zum eigenen Label. 2003 erschien meine erste EP "Game Set Match", eine Zusammenarbeit mit Battle Rapp auf Level Eight und wurde "Demo des Monats" in der Juice.

In der Hochphase Aggro Berlins wurden Sie in manchen Kreisen als heißer Neuzugang beim Label mit dem Sägeblatt gehandelt. Seinerzeit entschieden Sie sich jedoch dafür, mit Level Eight Ihr eigenes Ding durchzuziehen. Gab es Momente, in denen Sie diese Entscheidung bereuten?
Ich hätte sicherlich so früher Bekanntheit erlangen können, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich so hundertprozentig reingepasst hätte. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt noch viel zu beratungsresistent und die Macher bei Aggro Berlin hatten eine ziemlich klare Vorstellung, wie sie ihre Künstler präsentieren wollten.

Gleichwenn Ihre Anfänge in diesem HipHop-Spiel schon eine Weile zurück liegen, werden Sie Sie seit Jahren als einer der vielversprechendsten Newcomer der Jahre 2010, 2011, 2012 und 2013 gehandelt. Stört es Sie, dass viele Menschen Ihr Frühwerk nicht mehr zu kennen oder schlicht zu ignorieren scheinen?
Zum Einen ehrt mich das jedes Jahr als Hoffnungsträger gehandelt zu werden, weil das ja bedeutet dass ich offensichtlich nicht irrelevanter werde. Zum Anderen ist das manchmal natürlich etwas frustrierend, wenn man zum Beispiel als Schüler von Samy Deluxe wahrgenommen wird als ob man gerade angefangen hat, technisch zu rappen. Das ist absurd. Aber diese Quasi-Newcomer-Position bringt natürlich den Vorteil, dass viele Leute diese Platte und mich neu entdecken können, ohne vielleicht von einem verzerrten, auf der Vergangenheit beruhenden Bild, beeinflusst zu sein.

Wie viel Druck ergibt sich aus den Vorschusslorbeeren, die Sie von vielen Seiten bekommen? Liegt in diesem Druck auch die lange Wartezeit auf "Endlich unendlich" begründet? Ihre Fans der ersten Stunde warten seit 2005 auf ein neues Album!
Haha! Ja seit 2005 ist natürlich eine lange Zeit, aber ich wollte und musste eben als Künstler auch wachsen und mich entwickeln und eine eigene Platte ist schon etwas sehr besonderes, das wollte ich nur unter den richtigen Umständen machen. Und die sind jetzt erst für mich gegeben. Der Druck, den ich dabei gespürt habe, diese Platte zu machen, kam aber ausschließlich von mir selbst und meinen Ansprüchen, eine großartige Platte zu machen, die möglichst lange für sich stehen kann. Der Anspruch war, dass musikalisch und inhaltlich etwas entsteht, das auch in Jahrzehnten noch Aussagekraft hat. Dafür habe ich versucht, möglichst ehrlich meine Lebenssituation und Konflikte zu reflektieren um Erkenntnisse für mich und den potenziellen Hörer zu generieren - egal wer er oder sie ist. Also eine persönliche Platte, die trotzdem Jeden erreichen kann. Musikalisch wurde der Schwerpunkt auf echte Instrumentierung gelegt, wobei kein vermuckter Bandsound, sondern eher eine Verknüpfung traditioneller und moderner Sounderrungenschaften angestrebt wurde. Ich habe zum ersten Mal eine Platte gemacht, die komplett ausproduziert wurde und bei der eine Vielzahl von Musikern mitgewirkt hat. Und ich bin mehr als zufrieden mit dem Resultat.

2012 war ein herausragendes Jahr für den HipHop deutschsprachiger Machart. Inwiefern beobachten Sie die Entwicklungen in der Szene und inwiefern motivierte Sie der Erfolg Ihrer Kollegen, endlich mit Ihrem Album an den Start zu kommen? Im Moment ist es sicherlich nicht der schlechteste Moment, ein deutschsprachiges HipHop-Album auf den Markt zu bringen.
Also meine Pläne, eine Platte rauszubringen, sind unabhängig von der Entwicklung der Szene. Natürlich ist es gut zu sehen, dass HipHop wieder mehr Gehör findet in Deutschland. Aber auch wenn dies nicht der Fall wäre, hätte ich genauso an dieser Platte gearbeitet. Was ich besonders gut an der Szene momentan finde ist, dass alles parallel existieren kann. Gangster, Hipster, Backpacker, Conscious Rapper - alle dürfen wieder!

Ein wiederkehrendes Thema in Ihren Texten ist das Motiv des "(ver)hungernden Künstlers". Wie lange können und wollen Sie sich noch dem HipHop widmen, wenn "Endlich unendlich" entgegen aller Prognosen doch nicht funktionieren sollte? Welche Erwartungen haben Sie selbst an das Album?
Ja, diese Frage stelle ich mir auch immer wieder. Aber dann komme ich zu dem Ergebnis, dass ich das nicht wissen kann und es nichts bringt, sich verrückt zu machen mit solchen Gedanken. Ich arbeite jetzt ja auch nebenbei morgens als Paketentlader, um die Miete reinzukriegen. Ich habe also kein Problem damit zu arbeiten, würde mir eben etwas suchen müssen, das genug einbringt. Aber ich möchte den Traum nicht aufgeben, das was ich liebe zum Beruf zu machen, weil ich denke, dass Begeisterung der beste Motivator ist und ein motivierter Arbeiter die meiste Leistung bringt. Natürlich ist Angst auch ein sehr starker Motivator, aber auf Dauer schädlich. Mit ausschließlichem Sicherheitsdenken würde ich nicht glücklich werden in diesem Leben. Aber wenn die Leute meine Musik nicht möchten, brauche ich sie auch nicht rauszubringen. So einfach ist das. Die Berechtigung eines Unterhaltungskünstlers ist immer auch am Publikum zu messen.

Im Vergleich zu "Im Game" und Ihren EPs "Hundshit" und "Monster" meine ich auf "Endlich unendlich" eine vollkommen neue Klangästhetik zu erkennen, die weniger auf Synthies und vermehrt auf wärmere Klänge fokussiert. Ist diese Tatsache vor allem Ihrem neuen Umfeld rund um Max Herre geschuldet oder hatten Sie diesen Weg bereits vor Ihrem Gang zu Nesola vor Augen?
Nein, diesen Weg hatte ich schon lange vorher vor Augen. Auf "Im Game" gibt es auch schon einige Nummern, die durch echte Instrumente ergänzt oder komplett gebaut wurden - zum Beispiel "Chefsache" und "Wie verdient". Sowas ist immer auch eine Frage der Möglichkeiten. Es ist natürlich leichter, einen programmierten Beat zu nehmen und darauf zu rappen. Aber eventuell kommt dann ein musikalisches Potenzial nicht voll zur Geltung, da die Sounds einfach durch ihre synthetische Natur begrenzt sind. Ich denke, mit echten Instrumenten kann man auch Leute erreichen, die einfach Musik mögen, selbst wenn sie keinen Rap hören. Ich wollte mit dieser Platte soviel Leuten wie möglich die Chance geben, meine Musik für sich zu entdecken. Und das war in meiner Wahrnehmung nur über Musikalität, relevante Thematik und eine gewisse Sprachästhetik zu erreichen. Deshalb hat Nesola für mich auch gepasst, weil ich wusste, dass Max' Herangehensweise vor allem eine sehr musikalische ist. Ich will, dass meine Musik auch außerhalb der HipHop-Szene relevant ist und den vielen Ignoranten unserer Gesellschaft dieses Genre als festen und ernstzunehmenden Bestandteil der hiesigen Kultur präsentiert. Das was ich mache ist kein Amilandimport, das ist deutschsprachiger HipHop wie er in 2013 klingen kann!

Das Album beginnt mit in den Kehrvers geschnittenen Wortschnipsel der Stieber Twins, die die ersten Jahre des deutschsprachigen HipHops mit prägten. Ihre ersten Gehversuche in diesem Spiel wirkten jedoch stark vom HipHop US-amerikanischer Machart inspiriert. Haben Sie die Liebe zu klassischem HipHop deutscher Machart neu entdeckt oder kamen Sie schon früh mit den Machwerken der Stieber Twins oder auch vom Freundeskreis in Berührung?
Zur Jahrtausendwende, bevor ich selbst auf Deutsch gerappt habe, gab es auf jeden Fall einige Künstler, die mich als Amiraphörer auch geflasht haben. Dazu gehörten vor allem Creutzfeld & Jakob, Afrob, Freundeskreis und dann etwas später auch Samy Deluxe. Und "Feuerwasser" von Curse habe ich übertrieben gefeiert! Stieber Twins habe ich damals schon wahrgenommen, aber erst viel später wirklich zu schätzen gewusst. Die Jungs waren ihrer Zeit voraus. Genau wie Aphroe oder auch Dendemann.

Welche Musik dreht sich denn privat in Ihren Musikabspielvorkehrungen?
Momentan eigentlich nur Grafh. Ich habe immer so Phasen. Aber es gibt auch die üblichen Verdächtigen wie Sean Price, Styles P und Pusha T, die immer stattfinden auf meinem Laptopboxen-Soundclash-System. Biggie, Lupe, Booba und Kendrick sind eigentlich auch immer willkommen!

Gibt es ein Album neben "Endlich unendlich", auf das Sie sich in der Spielzeit 2013 übermäßig freuen?
Ich freue mich sehr auf "Nacirema Dream" von Papoose, obwohl ich einerseits nicht sicher bin, ob es wirklich gut wird, da er teilweise refrainmäßig und von der Beatauswahl Totalausfälle zu verzeichnen hat und andererseits erst daran glaube, dass es wirklich kommt, wenn es da ist. Der ist noch schlimmer als ich, so lange wie der sein Album schon ankündigt. Aber so werden Legenden geboren.

Ich bedanke mich für Ihre Mühen und möchte Ihnen das letzte Wort überlassen. Haben Sie bitte viel Erfolg mit "Endlich unendlich"!
Ich danke Ihnen und würde die letzten Worte in einem Versuch Ihre allseits bekannte Sprachstilistik zu adaptieren, an ihre ausgewählte Leserschar hier richten:
Und zwar, wenn Sie, liebe lesende Hörer, Anhänger der HipHop-Kultur und Liebhaber deutschsprachiger Musik sind oder aber vehemente Gegner der HipHop-Kultur sind und deutschsprachige Musik verabscheuen, dann ist das Album genau richtig für Sie! Gehen Sie auf iTunes, hören Sie sich die großzügigen Snippets an und erwerben Sie ein haptisches oder rein digitales Exemplar, wenn Ihnen die Hörprobe gefällt. Gehen Sie gerne auch auf andere elektronische Plattformen oder auch ganz klassisch in ein Fachgeschäft Ihrer Wahl. Somit nehmen Sie direkten Einfluss auf die Entwicklung dieser einzigartigen Sprachkultur und sichern sich selbst dauerhaftes Hörvergnügen! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 08.03.13 "Endlich Unendlich"!

Kommentare:

  1. Sehr schön! Aber Herr Merkt: Es heißt in diesem Zusammenhang nicht "Musikabspielvorkehrungen", sondern "Musikabspielvorrichtungen". Bitte, danke :)

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  2. Das Schlusswort is spitze! Album kommt definitiv ins Regal :-)

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