Haftbefehl - Blockplatin (Review)

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Haftbefehl - entweder man liebt ihn oder man hat keine Ahnung von guter Rapmusik. So oder so ähnlich sind die Reaktionen zu klassifizieren, die Haftbefehls verbale Ausstöße in erstaunlicher Regelmäßigkeit bei der Hörerschaft evozieren. Nachdem die Speerspitze der Azzlackz-Bewegung die Gemeinde bereits auf den beiden Alben "Azzlack Stereotyp" und "Kanackis" sowie auf dem inoffiziellen Höhepunkt "The Notorious HAFT" in zwei Lager spaltete, spaltet Frankfurts Feinster Offenbacher sein aktuelles Lebenszeichen "Blockplatin" von selbst in zwei Teile - eine "Block"- und eine "Platin"-Seite. Während wir auf der "Block"-Seite akustisch Zeugen subgenretypischer Schilderungen (klein-)krimineller Handlungen werden, entführt uns die "Platin"-Seite in eine an der Oberfläche schillernde Welt, in der reichlich Beischlaf mit weiblichen Erziehungsberechtigten, Lebensabschnittsgefährtinnen und Verwandten ersten Grades vollzogen wird, die in selbstreflexiven Momenten jedoch auch kritisch hinterfragt wird. Beide Seiten eint - nebst dem typischen Haftbefehl-Vokabular - ein gutes Händchen für eine perfekte Produktion, die als adäquate Unterlage für Haftbefehls passgenauen Sprachfluss dient. Hierfür zeichneten Beatbauern wie Chakuza, Phrequincy, Farhot, M3, Bounce Brothas, KD Beats, Abaz, Lex Barkey, Reef, Flex, DJ Frizzo, Malik Quality, Cristal & Johnny Pepp und Cönigs Allee verantwortlich. Es spricht für den parlierenden Protagonisten, dass der Tonträger trotz dieser Vielzahl beitragenden Produzenten wie aus einem Guss klingt.

Bei der vergleichenden Analyse der beiden Abschnitte "Block" und "Platin" muss der Rezensent konstatieren, dass sich beide Teile auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau bewegen, die "Block"-Seite jedoch die Nase um eine Messerspitze vorne hat, was allerdings nicht ausschließlich auf Farid Bang zurückzuführen ist. Vielmehr sind es qualitative Leuchttürme wie die vorab ausgekoppelten Titel "Chabos wissen wer der Babo ist" (wahlweise im Original mit Farid Bang oder in einer Neuinterpretation mit Allen) und "Generation Azzlack" sowie neue Straßenfeger à la "Crackfurt", "Money money" (mit Celo & Abdi und Veysel), "Ja ja veve 2" und "Stoppen Sie mal Officer", die den Rezipienten glänzend unterhalten und als kausal verantwortlich für beipflichtendes Kopfnicken interpretierbar sind. Bitte mehr davon! Doch auch die "Platin"-Seite enthält mit Schlagern wie dem mit grandiosem Kehrvers veredelten "Ba Ba", "Zwischen Raum und Zeit" (mit Marsimoto), "Einmal um die Welt", "À la Elvis Press Play" und "Du weißt ich weiß" klassische Materialien, die nachhaltig ihren Weg auf die Musikabspielvorkehrungen Ahnender finden werden. Besonders lobend soll an dieser Stelle der Titel "Mann im Spiegel" Erwähnung finden, auf welchem der sympathische Zeremonienmeister überraschende Einblicke in sein Innenleben gewährt. Grandiosität!

Alles in Allem erschuf Haftbefehl mit "Blockplatin" einen großartigen Tonträger, der in einer gerechten Welt nicht nur die Messlatte für Straßenrap im Speziellen, sondern für deutschsprachigen HipHop im Allgemeinen ein gutes Stück nach oben legen sollte. Technisch gesehen ist der Vortrag des parlierenden Protagonisten nämlich über sämtliche Zweifel erhaben. Verhaften Sie das! Klassiker - Hände unten!

Kommentare:

  1. Ich habe das Album 3 mal gekauft um hiphop zu retten. Danken sie mir in 2 Jahren.

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  2. Zitat: "[...] die "Block"-Seite jedoch die Nase um eine Messerspitze vorne hat, was allerdings nicht ausschließlich auf Farid Bang zurückzuführen ist."

    Nicht ausschließlich, nein. ;) Sehr schön formuliert :)
    Im direkten Vergleich sind die Unterschiede bzgl. technischer Güte zwischen Farid und Haft unüberhörbar. Beispiel: Farids erste zwei Zeilen auf "Chabos wissen wer der Babo ist" sind Meilenweit neben dem Takt, was bei Hafti himselft womöglich auf Albumlänge nicht ein Mal derart vorkommt.

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  3. Alles in allem sehr runde Scheibe, finde ich. Bombe "Stoppen Sie mal Officer" und Auto-Tune extrem "Zwischen Raum und Zeit" sind nach den ersten Durchgängen vorerst meine Lieblinge. Letzeres hätte so auch als Kollabo mit Herrn Sorge entstehen können, was mich soundmässig sehr überrascht hat :D

    Dem Fazit "Klassiker" schließe ich mich gerne vorzeitig an.

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  4. Du sprichst von "man hat keinen guten Geschmack", aber hast du nicht Haftbefehl am Anfang gehated? ;)

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  5. Schade das Ihre lyrischen Ausschweifungen nicht im geringsten dem Geniestreich den Haftbefehl hier abgeliefert hat, gerecht werden können.

    Man muss es selber gehört haben.
    Ich war ab der ersten Minute gefesselt.
    Besonders die Ballade "Mann im Spiegel", die Sie auch angesprochen haben, hat mich tief berührt.

    Sofort kaufen!

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