sido & Bushido - 23 (Review)

Nach Jahren der gegenseitigen Verbalinjurien sind die beiden ehemaligen Schützlinge Aggro Berlins in der Spielzeit 2011 schließlich wieder in Freundschaft vereint und legen prompt in Form von "23" einen in der kostenintensivsten Ausgabe 23 Anspielstationen umfassenden Tonträger vor. Während die verbissene Gralshüterin / der verbissene Gralshüter darin - wie in allen Handlungen sidos und Bushidos - reflexartig einen hochgradigen Verrat an der Integrität der HipHop-Kultur zu erkennen vermag, ist der aufgeschlossene HipHop-Kopf insbesondere aufgrund früherer kollaborativer Großtaten der beiden Protagonisten bestens damit beraten, dem gemeinsamen Tonträger der beiden kommerziellen Schwergewichte eine faire Chance zu geben. Dabei gilt es jedoch im Hinterkopf zu behalten, dass sich sowohl sido, als auch Bushido in zahlreichen Projekten der vergangenen Jahren weiter entwickelten und somit anno 2011 keine schlichte Kopie früherer Gemeinschaftsproduktionen zu erwarten wäre. Dennoch existiert auf dem Papier kein offensichtlicher Grund, warum die unterschiedlichen Ansätze sidos und Bushidos nicht auch in der Spielzeit 2011 glänzend harmonieren sollten.

Gleichwenn "23" während des ersten Hördurchgangs beinahe erwartungsgemäß an den Erwartungshaltungen scheitern musste, die man alleine aufgrund der Ausnahmestellung der beiden Protagonisten im deutschsprachigen HipHop-Spiel an das Produkt formulieren musste, offenbaren sich in den anschließenden Hördurchgängen die Stärken des Albums. So lassen die beiden Protagonisten mit "23" die zumindest für sido seit jeher zu stark limitierende Schublade des mancherorts immer noch zu Unrecht pauschal geschmähten Straßenraps hinter sich. Exemplarisch hierfür sei die mit Peter Maffay eingespielte Nummer "Erwachsen sein" genannt, die nicht nur aufgrund des unerwarteten Gastes am Kehrvers in bester Art und Weise Erinnerungen an Bushidos "Für immer jung" weckt. Ansonsten greifen sido und Bushido auf dem HipHop immanente Themen wie der exzessiven Selbstpreisung ("So mach ich es", "Haus und Gold", "Brille bitte kommen Sie"), der anonymen Fremderniedrigung ("Und schon wieder", "Wer bist du denn schon?"), der Beschreibung menschlicher Tragödien ("Ein Märchen") sowie der Vergangenheitsbewältigung ("Mit 'nem Lächeln") zurück. Nur weil sido und Bushido mittlerweile finanziell sicherlich auf einer anderen Ebene spielen als die Konkurrenz und sich diese Lebenswelt in authentischer Art und Weise in ihren Ausführungen niederschlägt, ist das vorliegende Produkt in keinster Weise weniger HipHop als die letzte Veröffentlichung Ihres Lieblingsrappers - ob es Ihnen nun gefällt oder nicht!

Mit diesen Ausführungen möchte ich jedoch keinesfalls implizieren, dass sidos und Bushidos Gemeinschaftsproduktion "23" all meinen Leserinnen und Lesern gleichermaßen gefallen muss. Jedoch möchte ich Sie an dieser Stelle nachdrücklich dazu aufrufen, an die vorliegende Veröffentlichung keine anderen Maßstäbe anzulegen als an andere Veröffentlichungen unseres geliebten Genres. Unter diesem Gesichtspunkt sind die atmosphärischen Produktionen von Djorkaeff, Beatzarre, Bushido, sido, Paul NZA und DJ Desue über jedweden handwerklichen Zweifel erhaben und auch das Zusammenspiel der Protagonisten funktioniert auf Nummern wie "Haus aus Gold", auf denen sich Bushidos unglaubliche Präsenz am Mikrophon und sidos erfrischend dynamischer Rapstil trefflich ergänzen, schlicht hervorragend. Raptechnisch besteht natürlich bei beiden Protagonisten nach wie vor Luft nach oben, jedoch merkt man den beiden Interpreten zu jedem Zeitpunkt an, dass ihnen nach zuletzt schwächer werdenden Tonträgern im Albumformat der frische Wind an der Kollaborationsfront sichtlich gut tut. So ist "23" vielleicht nicht der ganz große Wurf, den sich der ein oder andere Aggro-Kopf vergangener Tage erhofft hatte, dennoch liegt hier ein Album vor, das es vorausgesetzt einer unvoreingenommenen Auseinandersetzung besonders aufgrund seiner atmosphärischen Dichte nicht zu unterschätzen gilt. sido und Bushido sind in den letzten Jahren unverkennbar erwachsen geworden. Folgerichtig hat ein glaubwürdiges Aggro Berlin in der Spielzeit 2011 genau so zu klingen!

Kommentare:

  1. genial review! Mehr kann man da nicht sagen

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  2. ich gratuliere ihnen, Herr Merkt, zu dieser treffenden Review. 23 ist auch deutlich besser als das unglaublich misslungene Bossaura, auch wenn dies die kollegah fanboys nicht wahrhaben wollen. nuff said. bestes release mit bushido beteiligung seit ccn.

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  3. Richtig gute, treffende Review!
    100% agree

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  4. Jap, es ist besser als ich erwartet hatte, da beide mit den Jahren stark nachgelassen haben, aber hier anscheinend wieder leichten Antrieb fanden.
    Trotzdem hätte es so viel besser sein können - was nicht heißen soll, dass es schlecht ist. Mittelmäßig dürfte es treffen, aber das war's leider auch schon.

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  5. reviewen können sie, muss man ihnen lassen. kritik-prophylaxe hamse auch gut drauf, gratulation!

    trotzdem mal eben alle pauschal als verbissen, unaufgeschlossen usw. abzuurteilen, die irgendwann kein bock mehr auf die albernheiten der üblichen nasen hatten, find ich ziemlich unfunky von ihnen. schämense sich ma ne runde!

    freu mich trotzdem auf die nächste review zu ner ernsten platte...hiob, absz...irjendwatte

    ps. hiphop dürfense behalten. der is mir egal

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  6. An das Marketinggenie, das hier sein Video gepostet hat: Hätten Sie mir eine eMail geschrieben, dann hätte ich es aufgrund der Qualität gepostet. So stehen Sie ab sofort auf der schwarzen Liste, da die Kommentarfunktion keine Werbeplattform ist!

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  7. Außerordentlich gelungenes Review! Im allgemeinen ein vom Content her echt gelungener Blog!Design ist wohl geschmackssache (cih finde es übel) Weiter so mit den Inhalten!.

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  8. Wie so viele Kollabo-Alben zuvor (Freunde der Sonne, ASD, Deine Lieblingsrapper) kann mich auch dieses hier mal wieder nicht wirklich begeistern.
    Der Fehler liegt wahrscheinlich im Grundproblem der Kollaboration. So kommt beim Aufeinandertreffen zweier großer Egos leider häufig nur der kleinste gemeinsame Nenner statt dem erwarteten Geniestreich heraus. Das vorliegende Album macht da leider keinen Unterschied. Und es mag wohl sein, dass Bushido sich in den letzten Jahren weiterentwickelt hat. An die Klasse von Sido kommt er jedoch leider bei weitem nicht heran. Insofern ist das Album in qualitativer (sicher nicht in finanzieller) Hinsicht ein Rückschritt für den ehemaligen Maskenträger. Und zwar ein deutlicher ...

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  9. herr merkt, was rauchst du bzw. wieviel €s schiebt dir amazon in den allerwertesten?

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  10. Und so sieht eine freimütige Review ohne das hochtrabende Geschwätz aus: http://www.focus.de/kultur/musik/plattenkiste/plattenkritik-sido-und-bushido-23-der-gute-laune-baer-und-der-autohaendler_aid_674781.html Denn Ihre Form der intellektueller Kritik hat dieses Stück nicht verdient!

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  11. bin recht unemotional an das album herangegangen...habs mir auf simfy einmal durchgehört. meine schnellschuss-bewertung: die zielgruppe der platte sind 10- bis 14-jährige (was ok ist), und die in jeder zweiten hook nacheinander gerapten, jeweils identischen 4-zeiler, die dann als 8-zeiler-hook fungieren sollen, zeigen recht deutlich, welche arbeit sich die die zwei für die platte gemacht haben: keine.

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  12. die käuflichen junkieschwachmateusen in einem review zu intellektualisieren, is verschwendete zeit! prollsterne am sinken, wär treffend genug gewesen!

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