Verehrte Leserinnen und Leser,
nur selten erreichen mich Alben, bei denen ich nach drei Tagen der intensiven Dauerbeschallung immer noch nach Worten ringe, um das Hörerlebnis in all seinen Facetten adäquat zu umschreiben. In Form von Caspers "XOXO" liegt nach Marterias "Zum Glück in die Zukunft" wieder einmal ein solches Album vor, welches von der ersten bis zur letzten Minute bis ins kleinste Detail durchgehend zu überzeugen weiß. Passenderweise gibt sich besagter Marteria auf "So perfekt" neben Tomtes Thees Uhlmann als einziger Gastvokalist die Ehre. Musikalisch verantwortlich zeichnen unterdessen Tikay One, Steffen "Steddy" Wilking, Robot Koch, Biztram, Joshimixu und Dexter, die "XOXO" mit einem im HipHop deutscher Machart noch nie dagewesenen Klangteppich mit hörbaren Einflüssen aus der Indierock- sowie der Electro-Szene versorgen. Sicherlich wird die Sympathisantin / der Sympahisant von Dipset-gebitetem Herumgechirpe kaum Freude an "XOXO" haben, dem horizontal uneingeschränkten HipHop-Kopf sei der vorliegende Tonträger jedoch wärmstens an das Herz gelegt.
Nebst einem bis in das kleinste Detail in Perfektion ausproduzierten Klangteppich erwartet die Zuhörerin / den Zuhörer auf "XOXO" nicht weniger als eine beeindruckende Momentaufnahme einer vergessenen Generation, die sich zwischen Praktika und unsicheren Arbeitsverhältnissen eine Existenz aufzubauen versucht. Verpackt in insgesamt zwölf Anspielstationen (ohne Prelude) bringt Casper mit großem poetischen Talent Themen zur Sprache, die die Zuhörerin / den Zuhörer gleichermaßen animieren, aufrütteln, ermutigen und erschüttern. So beginnt "XOXO" gleich in den ersten vier Anspielstationen mit einem doppelten Aufbruchs-Appell an "Die Vergessenen" ("Der Druck steigt" und "Blut sehen"), Eskapismus ("Auf und davon") und Resignation ("XOXO" mit Thees Uhlmann). Darauf folgt mit "Michael X", in dem der Suizid eines guten Freundes thematisiert wird, eindeutig der bewegendste Titel und ganz nebenbei einer der beiden qualitativen Leuchttürme des Tonträgers. Nachdem das bereits im Vorfeld der Veröffentlichung im weltweiten Netz kursierende "Alaska" weiter auf die Stimmung drückt, tun die aufmunternden Worte von "Das Grizzly Lied" und "So perfekt" (mit Marteria) durchaus Not, um die Stimmung der Rezipientin / des Rezipienten nicht nachhaltig in den Keller zu manövrieren. Als weiterer qualitativer Leuchtturm neben "Michael X" tut sich nach "Die letzte Gang der Stadt" das wunderbar arrangierte "230409" hervor. Man meint, das im Kehrvers angesprochene Licht hören zu können - episch! Als würdiger Abschluss eines knapp 50-minütigen Ausflugs in die Gedankenwelt des Benjamin Griffey fungiert "Kontrolle/Schlaf".
Wie Sie meinen vorhergehenden Äußerungen sicherlich entnommen haben, handelt es sich gemäß meiner subjektiven Einschätzung bei "XOXO" um einen grandiosen Tonträger mit zwölf unsterblichen Anspielstationen, die den Zuhörerinnen und Zuhörern weit über Genregrenzen hinaus in musikalischer und poetischer Hinsicht sehr viel Freude bereiten und sie in ein Wechselbad der Gefühle stürzen werden. So bleibt abschließend zu konstatieren, dass "XOXO" nach einer beinahe unmenschlich langen Wartezeit dem aktuell vorherrschenden Tamtam durchaus gerecht wird. Der sicherlich eintretende Erfolg wird Caspers für Deutschrap einzigartigem Ansatz Recht geben. Prädikat: Meisterwerk!
Montag, 11. Juli 2011
22 Kommentare:
Bitte kommentieren Sie die Beiträge mit dem Maße an Respekt gegenüber den Künstlern, das auch Ihnen entgegengebracht werden soll.
Kritik ist durchaus erwünscht, aber nur in einem angemessenen Ton und von konstruktiver Natur.
Sollten Sie sich nicht daran halten, wird die freie Kommentarfunktion demnächst eingestellt und Kommentare sind nur noch nach Registrierung möglich!
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Gefällt mir
AntwortenLöschenWelcher ist denn der Robot Koch Track? Dann würde ich mal bei youtube suchen.. Die allgemeine Begeisterung für Marterias Album und Fähigkeiten kann ich übrigens immer noch nicht begreifen, die Beats mögen Geschmackssache sein, mir gefallen sie nicht, aber sein Rap klingt wie Harris auf Valium.
AntwortenLöschenWenn Sie schon reinhören wollen ohne dafür zu bezahlen, dann benutzen Sie dafür wenigstens den legalen Dienst simfy!
AntwortenLöschenRobot Koch ist wie bei "Verstrahlt" Co-Produzent. Da ich die CD bei der Arbeit habe, kann ich aber nicht mit Sicherheit sagen, bei welchem Titel. Ich glaube aber, es war "230409".
Wenn sie das Casper-Album mit dem grauenhaft Berechnendem, klinisch sterilem "Zum Glück in die Zukunft" vergleichen, sollte ich mir XOXO wohl nicht kaufen...
AntwortenLöschenRobot Koch ist mit additional keyboards bei "So perfekt", mit additional drumsounds bei "Die letzte Gang der Stadt" und mit additional sounds bei "230409" vertreten.
AntwortenLöschenApropos "Die letzte Gang der Stadt", bezüglich Musik und Vortragsweise erinnert das Stück mich sehr an Kraftklub.
Lieber Herr Merkt,
AntwortenLöschenwarum finde ich neuerdings keinerlei Text mehr im RSS/Atom-Feed? Ist das Absicht?
Lieber anonymer Kommentator,
AntwortenLöschenleider ist das mit dem RSS/Atom-Feed Absicht. Es handelt sich dabei um eine Gegenmaßnahme zu RSS-News-Aggregatoren (a.k.a. Parasiten), die die RSS-Feeds von mehreren bekannten Deutschrap-Blogs automatisch auslesen und dann auf ihren Seiten mit diesen Inhalten Geld verdienen.
Daher bitte ich Sie um Verständnis für diese Entscheidung!
Casper ein Mann geht ihren Weg.
AntwortenLöschen"Dipset-gebitetem Herumgechirpe"
AntwortenLöschenNanana, was sind denn das für Wörter.
Bis auf den Marteriavergleich stimme ich Ihnen ansonsten uneingeschränkt zu, auch wenn die Version von "So perfekt" ohne Herr Laciny deutlich besser war und mich die Videos überhaupt nicht überzeugen.
Bombastisches Album!
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
AntwortenLöschenkann diesen hype nicht nachvollziehen! Musikalisch is das alles ned das wahre...casper is überragend aber die mukke ist teilweise einfach nicht gut produziert...schade drum..hab mehr erwartet ...einfachste popharmonien... usw.
AntwortenLöschenkann vertsehn dass es vllt manchen gefällt, aber ich fühls garnicht....
AntwortenLöschendas ist also die zukunft deutschen raps: vor kitsch und pathos triefende, berechnende und vorhersehbare mucke; immer der gleiche standard aufbau (strophe, hook, bridge, strophe, hook usw); texte, die dermaßen humorlos und bieder sind und die sich vor allem ernster nehmen als jeder sich ernst nehmender gangstarapper...nicht falsch verstehen: xoxo ist nicht mal ein schlechtes album, aber dass es als das neue ding gefeiert wird, sagt weniger etwas über das album als viel mehr über den desolatne zustand der hiesigen rapdeutschland aus.
AntwortenLöschenund diese lagerfeuer groschenroman männer cowboay romantik in songs wie "grizzly" ist nun wirklich kaum auszuhalten!
AntwortenLöschenich stimme dem user über mir zu.
AntwortenLöschencasper ist sicherlich nicht schlecht und das album auch nicht, aber "so perfekt" hat weniger mit rap, vielmehr mit einem amerikanischem teenie film zu tun.
gutes album aber ähnlich wie marteria letztes jahr zu sehr auf mainstream gemacht und deshalb schwächer als die vorherigen alben
AntwortenLöschenbestes album des jahres sicherlich nicht
aber zum glück kommt brp forever :D
sry heisst natürlich brp unendlich
AntwortenLöschenLieber Herr Merkt,
AntwortenLöschensind sie sicher, dass es keine andere Lösung gibt? Sie könnte ja zB die Parasiten sperren oder ähnliches.
Wirklich schade, dass ich "Herr Merkt.." nicht mehr unterwegs lesen kann. Aber danke für die Antwort!
XOXO wird nicht den deutschen Hip Hop retten, weil er nicht gerettet werden muss. Aber dafür ist XOXO mal eben eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten 7-10 Jahre geworden. Den Casper schafft was Einmaliges. Er schafft es, mit seine Texten, Bilder und Gedanken in den Köpfen seiner Hörer loszutreten. Das Album funktioniert einfach, weil jeder der die Texte hört, schon Gedanklich bei Situationen, Lebensabschnitte ist, die man selber erlebt hat. Und ja der Sound ist nicht neu, aber in Kombination mit seiner Art zu Rappen, seiner einmaligen Stimme, einfach nur der Hammer.
AntwortenLöschen"Aber dafür ist XOXO mal eben eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten 7-10 Jahre geworden." Hahahhaha
AntwortenLöschenARAG_Tower informiert:
AntwortenLöschen“Der Druckt steigt“ Die Luft zum Atmen ist schwer in diesen Zeiten. Der Spannungsbogen wird aufgebaut… noch 3,2,1 Sekunden! “Wir holen zurück was uns gehört!“ Jugend? Nein, es ist ein Appell an den Menschen im Jetzt. Eine Standortbestimmung, wie GPS Signale. Die Hymne wird angespielt, Stimmung gemacht, jeder springt, alles tobt, nackte, schwitzige Oberkörper bouncen. „Was für ein Einstieg. Strophe 1, Refrain, Chöre summen die Hymne. Motivierend, aufweckend, Wahnsinnige Musik, uuuuuuuuuunnnnnnnddddd Cut! „The further Adventure of Lord Quast“ lässt grüßen. Wie gerne hätte ich dieser atemberaubenden Steilvorlage ekstaseartiger Beatschmiederei noch weiter zugehört?! Aber OK, ein erstes Statement wurde abgegeben. Danach brennt’s weiter! Ein Killer Bass spielt die Melodie, arabisches Sample (natürlich ist es keines, aber es hört sich so an und passt Klasse auf diesem Bass-Boom-Bap-Brett).. Kopfnicker tragen danach Halskrause! Danke für diesen 40 Sekunden Abspann. „Auf und Davon“ ist ein Track auf dem Casper dem „Trott“ entfliehen will. „Immer nur funktionieren nach Regeln und Listen“, Bin weg“, „Alltag“, „Mahnung und Ratenzahlung“, „Murmeltiertag“ .. Alles Floskeln mit denen fast jeder Mitte Zwanziger schon mal in Berührung gekommen ist. „Der Trick ist atmen, die Antwort einfach nicht zu fragen“! Casper hat einen Vers in „Poesie Album“ Part 2 sicher. Die inoffizielle Fortsetzung von TUA’s „Unter Druck“. Feierabend, raus auf den Parkplatz, Auto auf, einsteigen, Track 3, frei sein, A2 Richtung Duisburg! Was für ein Gefühl!
„Michael X“ ist genauso wie Casper es gerappt/gesungen hat. Mehr Gefühl, Wahrheit, Authentizität geht nicht. Real Talk auf aller höchstem Level! Endgegner Style. Unser „Michael“ heißt „Marc v. Well“! „Ich hoffe es geht Dir gut, da wo Du bist“. Mehr ist dem nicht mehr hinzuzufügen.
Mit dem „Grizzly Lied“ - ich will nicht sagen verarbeitet- aber gibt Casper einen Blick in seine Vergangenheit preis. Ein Teil der Beziehung zu seinem im Krieg weilenden Vater wird thematisiert („malte Dir Bilder mit Sonnen, jeden Brief an die Front“). Der Kontakt zu ihm und seinen Weisheiten füllt dieses Stück mit Floskel und Sprüchen. „Mal bist Du Jäger, mal Bär“, „Wenn das Leben nur Zitronen gibt, mach Limonade draus“, “Spiel nicht mit Herzen oder mit denen die das mit deinem tun“. Ich könnte noch gefühlte 137 andere Zitate herauspicken! Den Höhepunkt aber setzt er in diesem Stück mit „Es wäre heut' nicht wie es ist, wär es damals nicht gewesen wie es war. Der Sinn des Lebens ist leben!“ Auf den Punkt gebracht, wie ein Ausrufezeichen! 4 x geloopt untermalt mit einem Breakbeat, herein gleitender Gitarre und sanftem Piano. Wärme, Liebe, Schönheit, Tiefe, Geschichte, Respekt und Weisheit summieren sich zu einem musikalischen und ästhetischem Meisterwerk!
Überbrückend ein Schweif zurück in die Jugend mit „der letzten Gang der Stadt“. Projizierbar auf jeden Jugendlichen. Danke für diesen Flashback. Es folgt für mich der melodiöse Höhepunkt mit „230409“. Schnell, düster, Piano, Synthies, und Mörder Drums! Der Text eindrucksvoll („stimmt ich bin nie weiter gekommen, als in dein Bett, aber du bist bloß ein paar Zeilen im Song“), stark („war keine Liebe, nur verliebt darin, verliebt zu sein“), metaphorisch („Warn das Funken in der Luft zwischen uns…“).
Dieses Album ist für mich ein Meilenstein der deutschen Musikgeschichte. Casper scheißt auf alle Genreabgrenzenden, limitierten, Schubladendenker. Er hat Musik gemacht! Nein, er ist Musik! Er lässt den Zuhörer daran teilhaben und transportiert in einzigartigen Bildern Poesie der Neuzeit! „Große Lieder schreiben wollte ich immer“ (Kontrolle/Schlaf) das ist Benjamin Griffey gelungen.
Alter, was geht denn bitte bei dir?
AntwortenLöschen