Herr Merkt spricht mit HipHop: Pierre Sonality

Nachdem sich Pierre Sonality und Die Funkverteidiger mit ihrem aktuellen Tonträger definitiv auf der Deutschrap-Landkarte verewigten, konnte ich es mir als seriöser Deutschrap-Blog natürlich nicht nehmen lassen, ein Interview mit dem sympathischen Kopf der Kapelle zu führen. Dabei erhalten Sie äußerst interessante Einblicke in die Gedankenwelt eines modernen HipHop-Traditionalisten.

Guten Tag, der Herr. Ich freue mich, Sie an dieser Stelle zu diesem Interview begrüßen zu dürfen!

In den vergangenen Wochen und Monaten konnten Sie sich beim eingeweihten HipHop-Kopf zunehmender Popularität erfreuen. Dabei vertreten Sie - wie auch schon Huss & Hodn - eine explizite Spätneunziger-Attitüde, die beinahe antagonistisch zu jenen Werten steht, die HipHop in den 00er-Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung größtenteils verkörperte. Wie erklären Sie sich diese zunehmende Rückbesinnung des Publikums auf die goldenen Neunziger?
Das Klientel war schon immer da, oder? Nur gibt es, dank oben genannter Artists, heute allerdings wieder ein gewisses Selbstbewusstsein im Deutschrap unserer Machart. Eine gute Delivery eben. Vielleicht hat das aber alles auch nur mit einer Übersättigung des Marktes zu tun. Das weiß nur Jesus.

Ihre aktuelleren Veröffentlichungen sind passend zur künstlerischen Rückbesinnung auf vergangene Zeiten ausschließlich auf traditionsreichen Medien wie Tonbändern und neuerdings Vinyl verfügbar. Worauf beruht diese Entscheidung - Abgrenzung von der Konkurrenz?
Nein. Von der Konkurrenz grenzen wir uns durch unsere Freshness ab. Unsere Sachen auf Tape zu verbreiten war eher eine Schnapsidee, die sich immer mehr und mehr zu einem Selbstläufer innerhalb der Crew entwickelt hat. Zum Ende waren wir alle der Meinung, uns damit einen Jugendtraum zu verwirklichen. Außerdem ist das Medium Tonband auch für eine gewisse Klangästhetik verantwortlich. Das mögen wir.

Inwiefern verträgt sich diese Beschränkung auf klassische Trägermedien mit einer doch recht intensiven Nutzung des Internets als Werbewerkzeug? Ist es nicht ein Widerspruch in sich, dass sich die neue Retro-Welle hauptsächlich über das Internet verbreitet?
Ich betrachte das Internet lediglich als ein weiteres Werbe- und Transportmedium. Meiner Ansicht nach sollten wir uns nicht vor den Möglichkeiten verschließen, die das 21. Jahrhundert uns bietet, um Dogmen zu bedienen. Letztendlich erreicht das WWW wieder einen realen Menschen aus Fleisch und Blut und keinen Roboter, der automatisch den „I like“ Button drückt, wenn ich ihn zuspam.

Die Auflagen Ihrer bisherigen Veröffentlichungen waren überschaubar, so dass ich den finanziellen Gewinn nicht als hauptsächliche Motivationsquelle annehmen würde. Woraus beziehen Sie demnach die Motivation für Ihre Kunst?
Mit meiner Musik will ich die Welt nicht erklären oder Heads beeindrucken. Ich mache sie, um mich selbst an ihr zu erfreuen. Geld mit Untergrund-Rap zu verdienen und reich zu werden ist eine Illusion.

Auf Ihrer aktuellen Veröffentlichung namens "Pierre Sonality & Die Funkverteidiger" arbeiteten Sie - wie der Titel bereits verrät - intensiv mit den Funkverteidigern zusammen. Die Tatsache, dass Ihr aktuelles Mixtape ursprünglich als "Der Funkverteidiger" angekündigt wurde, lässt mich inferieren, dass es sich dabei um eine jüngere Gruppierung handelt. Was können Sie meinen interessierten Leserinnen und Lesern über die Entstehungsgeschichte dieses Kollektivs verraten? Seit wann gibt es die Funkverteidiger, wie viele Mitglieder umfasst die Gruppierung?
Wir kennen uns schon ewig. Viele Mitglieder sind ja schon auf meinem ersten Tape „Kein Hip Hop Fame“ vertreten. Während der Arbeit an unserem aktuellen Album saßen wir teilweise täglich zusammen und so entstand ein Querschnitt durch das Leipziger und Magdeburger Lager der Funkverteidiger. Zum Ende lag einfach nicht alles in meiner Hand und wir entschlossen uns dazu, uns als „Crew“ zu formieren, da wir nicht jeden Einzelnen unserer siebzehn Mitglieder aufs Frontcover schreiben konnten. Unser Kollektiv besteht in dieser Form nun seit knapp einem Jahr. Musik machen wir alle aber schon länger.

Gegen welche äußeren Einflüsse müssen Sie den Funk denn verteidigen?
„..na gegen die unfunky Typen..“ (Doz9)

Darf sich die Leserin / der Leser auf weitere Produktionen aus dem fruchtbaren Funkverteidiger-Umfeld freuen?
Definitiv. Wir haben unseren Feldzug gegen die Wackness gerade erst begonnen. Im März erscheint „Pierre Sonality & Die Funkverteidiger" zunächst mal - endlich - auf Vinyl. Bei HHV kann man die Platte schon vorordern und unser eigener Shop kommt jetzt auch an den Start. Jeder Käufer von Tape oder Vinyl bekommt einen Download-Code dazu. Im April bekommt Rap-Deutschland dann gut eins in die Fresse, aber darüber werden wir die Leute näher informieren, wenn es soweit ist. Wer den Funkverteidigern auf Facebook folgt erfährt es als Erster. Des weiteren wartet die Magdeburger Fraktion Schaufel und Spaten mit ihrem zweiten Album „Neunundzwanzig harte Jahre unter Tage“ auf. Und für die zweite Jahreshälfte steht dann das Debütalbum der Sendemast Gang an, die aus The Finn und mir besteht. Das erste Video „Inhalt“ ist schon draußen. Man darf also gespannt sein.

Die aufmerksame Zuhörerin / der aufmerksame Zuhörer wird bei Ihrem Gesamtwerk sicherlich eine starke Tendenz weg von klassischen Vers-Kehrvers-Vers-Kehrvers-Vers-Brücke-Kehrvers-Schemata hin zum bündigen Zweiminüter erkennen. Eine bewusste Entscheidung oder eine natürliche Entwicklung in Ihrem künstlerischen Reifeprozess?
Meine Arbeitsweise lässt nicht zu, dass ich mich zu lange an Tracks aufhalte. Des Weiteren langweilt mich dieses standardisierte Song-Geplänkel. Wenn ich einen Representer-Song mache, braucht der oft keine Hookline die ihn aufwertet oder sowas.

Welche Platten rotieren bei Pierre Sonality auf dem mobilen Plattenspieler bzw. im Walkman? Können Sie sich auch für Konkurrenzprodukte aus deutschen Landen begeistern?
Momentan läuft in meinem Walkman das „576er Tape“ von den LSR Jungs aus Sachsen-Anhalt, alt wie der Hecht, aber ich find's immer noch geil. Mein Roey Marquis Tape „Momentaufnahmen 2“ hatte letztens Bandsalat, aber ich konnt's reparieren. ;) Ansonsten zieh ich mir gerade viel Cannibal Ox oder Ill Al Skratch rein. Das feier ich mega, is' schön melodisch.

Abschließend darf ich Sie noch zu einem kleinen Assoziationsspiel einladen. Ich nenne ein Wort und Sie schreiben nieder, was Ihnen spontan dazu einfällt.
Sido – Kenne ich nicht.
Blumentopf – Finde ich seit dem komischen „Geh zur Wahl“ Song richtig scheisse.
Morlockk Dilemma – Macht ihn zum Bürgermeister hier, Alter
Huss & Hodn – Hört auf, uns mit denen zu vergleichen. Aber ja, gefällt sehr.
MTV – Quo vadis?

Damit bedanke ich mich für das Gespräch und wünsche Ihnen bei Ihren weiteren Karriereentscheidungen viel Erfolg!
Ich habe zu danken. Shanti shanti.

Kommentare:

  1. Die vorletzte Frage übertrifft alles !!! Aber auch so , warum kann nicht alles so wie hier auf dem Boden der Tatsachen abgehen??? PEACE

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  2. Vielen Dank für das lesenswerte Interview, liest sich wunderbar untypisch und bodenständig. Schön, dass es auch noch Rapper gibt, die sich nicht schämen, öffentlich Props zu geben. Man ist gespannt auf weiteres Material!

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  3. WEITER SO FUNKVERTEIDIGER! VIELLEICHT GIBTS DOCH NOCH LEUTE DENEN MAN GLAUBEN DARF, DASS SIE WAS AUS RAP-SCHLAND MACHEN KÖNNEN!!FETT!

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  4. coole Musik aber scheiß Name. ;)

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