Herr Merkt spricht mit HipHop: Morlockk Dilemma

Verehrte Leserinnen und Leser,
es war mir eine große Ehre, anlässlich des Albums "Circus Maximus" ein Interview mit dem großen Morlockk Dilemma zu führen. Ich freue mich, dabei auf einen Künstler gestoßen zu sein, der wohlwollend über den ein oder anderen Fauxpas hinsichtlich der Fragestellung hinweg sah. Bestellen Sie sich das Album - es lohnt sich!

Guten Tag, Herr Dilemma. Es ist mir eine außerordentliche Ehre, dass Sie sich als einer von Deutschlands führenden Studentenrappern die Zeit für ein Interview mit "Herr Merkt spricht über HipHop" genommen haben!
Das geht ja schon mal gut los. „Studentenrapper“?! Ich glaub' es hackt. Obwohl… immer noch besser als Backpackrapper.

Zunächst einmal möchte ich auf Ihre Namensgebung zu sprechen kommen. Der Name Morlock wurde doch sicherlich an H.G. Wells wunderbare Erzählung "Die Zeitmaschine" angelehnt. Darin stellen die Morlocks die nächste Evolutionsstufe der Menschheit dar, die zurückentwickelt unter Tage haust und sich hauptsächlich von ihrer über Tage lebenden Parallelentwicklung - den sogenannten Eloi - ernährt. Warum standen diese äußerst unsympathischen Wesen Pate für Ihre Namensgebung?
Weil ich zum Zeitpunkt der Namensgebung noch wallendes Haar besaß… Ich könnte hier natürlich auch meine Antwort aus einem der zahllosen Interviews reinsetzen, wo ich die Frage schon beantwortet habe, aber um es kurz zu machen: es ist natürlich eine Untergrundmetapher. Das fand ich damals lustig. Mittlerweile bin ich schon froh, wenn man mich richtig schreibt oder mich nicht für eine Band hält. Im Übrigen find' ich die Jungs gar nicht so unsympathisch, sie stellen ja in gewisser Weise ein Gleichgewicht her in dieser Zukunftsvision. Auf der anderen Seite sind sie Arbeitstiere, die die Welt am Laufen halten, während blondgelockte Jünglinge die Trauben der Zivilisation verspeisen. Wer schon mal Langzeitpraktikant war, erkennt da Parallelen schon in der Jetztzeit.

Wie würden Sie sich umbenennen, wenn Sie Post vom Urheberrechtsanwalt von H.G. Wells' Nachkommen bekämen? Haben Sie sich darüber bereits Gedanken gemacht?
Ich würde ihnen einen Wurstkorb schicken und sie darauf hinweisen, dass in der Postmoderne alles ein Zitat auf etwas dagewesenes darstellt und dass durch das Hinzufügen eines weiteren Ks in Morlock, das Original nicht mehr ersichtlich ist. :)
Dem Urenkel von H.G.Wells würde ich dann aber noch einen persönlichen Rat mitgeben. Und der lautet, dass er noch mal eine Regisseurschule hätte besuchen sollen, bevor er sich cineastisch am Familienvermächtnis versucht.

Stellen wir uns vor, Sie seien ein Morlock aus der Zukunft? Wie hat die Menschheit am 28. Februar 2011 auf Morlockk Dilemmas "Circus Maximus" reagiert? Welche Erwartungen haben Sie persönlich an Ihr neues Oeuvre?
Ich möchte an dieser Stelle mal was einschieben. Da ich Ihre Seite sehr schätze, finde ich die angebrachte Höflichkeit zwar schmeichelnd, biete Ihnen jedoch in alter Reich-Ranicki-Manier das Du an.

Vielen Dank. Ich werde versuchen, daran zu denken!

"Circus Maximus" erscheint im Gegensatz zu Ihrem letzten Werk im Albumformat "Omnipotenz in D-Moll" nicht im bundesweiten Laden-Vertrieb, sondern ausschließlich über verschiedene Online-Kaufhäuser. Die böse Zunge könnte in dieser Einschränkung Ihrer Reichweite eine Kapitulation vor dem Musikmarkt sehen? Glauben Sie nicht mehr daran, den Geschmack einer breiteren Masse treffen zu können? Mit Ihrer Selbstklassifikation als der "besteste Rapper" könnten Sie in Kombination mit dem Prädikat "Zu hart für JBS 3" doch sicherlich bei dem ein oder anderen Gangsterrapfan punkten! In der BravoHipHop wurden zufällig gerade ein paar Seiten frei.

Interessanter Gedanke. Kapituliert wird aber nicht im Hause Spoken View. Hier geht es knallhart um Kontrolle und Maximierung der Gewinnmarge. Ich kann mich auch beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal im Saturn war, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Es ist unseres Erachtens einfach eine richtige Entscheidung für ein Indielabel, die Sachen selbst an den Mann zu bringen. Daher ist unsere Shopseite ein wichtiges Instrument geworden, um mit den Fans in noch intensiverem Kontakt zu stehen. Bereits "Apokalypse Jetzt" und "Der Eiserne Besen" kamen über Eigenvertrieb raus und was die Verkaufszahlen betraf, hat sich da schon unsere Vermutung bestätigt. Achso: es heißt übrigens "Bestester Rapperste".

Der Titel "Die Ankunft" erregte Anfang diesen Jahres Aufsehen. Dabei konnte die aufmerksame Zuhörerin / der aufmerksame Zuhörer eine leicht tiefere Stimmfarbe als bislang üblich konstatieren. Nun ist für den ein oder anderen Stimmkritiker sicherlich von Interesse, ob diese Beobachtung auch auf das gesamte Album zutreffen wird?
Eins vorweg: So sehr fremdbestimmt ist diese andere Stimmfarbe gar nicht. Es fällt mir mittlerweile sehr schwer, den alten Stimmeinsatz in der Form noch umzusetzen. Hat was mit Verschleiß zu tun. So tief, wie in „Die Ankunft" geht es nicht auf dem kompletten Album zu, aber etwas rauer als in der Vergangenheit. Den Joke, Morlockk als unmenschliches Wesen auch stimmlich zu stilisieren, haben auch nur ganz wenige gerafft. Von daher ist es nicht schlimm, wenn er jetzt etwas anders klingt.

Wie würden Sie als Zirkusdirektor Ihren "Circus Maximus" anpreisen? Was erwartet die Hörerin / den Hörer, wenn sie / er das Produkt in den heimischen Audio-Abspielgeräten wiedergibt?
Es ist eine Reise durch meine Hirnwindungen auf der Suche nach den großen Momenten des Lebens. Es ist eine wirre Oddysee voller Täuschungen und Widersprüche. Im dichten Dickicht der Erinnerungen lauern Psychosen, Liebesschwüre und todbringendes Gelächter. Der Zuhörer wird danach den Drogen abschwören und sich gesunder Ernährung verpflichten. Er wird sich gut unterhalten fühlen oder nichts begriffen haben. Er wird lieben und hassen und damit hoffentlich die Essenz meines Lebens verstanden haben. Vielleicht wird er sich aber auch nur um eine Stunde Lebenszeit beraubt fühlen. Für jenen Typus hab ich aber noch ein paar Battletracks auf's Album gepackt. Da gibt es dann keine Missverständnisse mehr.

In Ihren Texten zeichnen Sie gerne düstere Szenarien? Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Geschichten? Spielt Ihnen dabei Ihre Vorgeschichte als Fernsehjunk in die Karten? Ich hoffe doch, es handelt sich um Geschichten!
Alles entsteht natürlich aus der Alltagswelt. Dinge, die man sieht oder zu sehen scheint. Dinge, die man erlebt oder die sich so in der Erinnerung manifestiert haben. Daraus entsteht die Idee, die dann umgesetzt und teilweise ins Absurde verfremdet wird. Eine zünftige Kneipentour kann dabei noch inspirierender sein als ein Fernsehabend.

Man munkelt, Sie möchten sich in mittelfristiger Sicht auf das EP-Format beschränken. Gemeinschaftsproduktionen mit JAW und Absztrakkt wurden bereits angekündigt. Wird "Circus Maximus" Ihre letzte Veröffentlichung im Albumformat?
Also es ist sicherlich nicht das letzte Album, aber vorerst möchte ich mich schon mehr dem EP-Format verschreiben. Zum einen, weil man gezwungen ist auf geringerer Spiellänge schneller auf den Punkt zu kommen und komplexer zu arbeiten. Ich sehe es einfach als das Format für Konzeptprojekte. Ein zweiter Punkt ist eine (hoffentlich) schnellere Umsetzung, dass heißt ich kann (theoretisch) häufiger releasen. Und zuletzt hab' ich eine alte Liebe zum Vinyl wiederentdeckt, welches ja wie gemacht ist für solch ein Format. Momentan bin ich mit zwei Projekten beschäftigt. Mit dem Heilbronner Produzenten Dexter wird es eine Art Hörspiel geben. Danach kommt meine EP zusammen mit Sylabil Spill, wo es eher rauer zur Sache geht. Bei den beiden von dir genannten Herren gab es bisher zwar keine Pläne für gemeinsame Projekte. JAW und Absztrakkt sind aber von mir hochgeschätzte Persönlichkeiten. Eine Zusammenarbeit würde mich da natürlich reizen.

HipHop leipziger Machart lebt und Pierre Sonality & Die Funkverteidiger greifen nach dem stadtinternen HipHop-Thron. Wie stehen Sie zur Konkurrenz aus dem eigenen "Haus"?
Ich finde, in der Art, wie ich Mucke mache, bin ich konkurrenzlos. Ich freu' mich natürlich, wenn aus meiner Heimatstadt auch andere Rapper ihre verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Von daher seh ich das eher als Bereicherung.

Damit bedanke ich mich für Ihre Zeit und wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre weiteren Karriereplanungen. Ich hoffe, Sie haben sich als ausgebildeter Journalist ob meiner dilettantischen Fragen nicht allzu oft die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Abschließend möchte ich Sie dazu einladen, ein paar Worte an meine Leserinnen und Leser zu richten!
Ab dem 13. Februar kann man „Circus Maximus“ auf www.spokenview-shop.com vorbestellen. Kommt zu meiner Releaseparty an der Copacabana. Ab 28.Februar gibt's das Album zu kaufen. Und ich schlage die Hände nur über dem Kopf zusammen, um dem Schöpfer für sein Meisterwerk zu gratulieren.

Kommentare:

  1. fick ja, album des jahres

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  2. Leipzig und Köln, neue HipHop Hochburgen.
    Viel Gutes in letzter Zeit.

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  3. Ein wunderbares Interview mit einem äußerst sympathischen Künstler zu einem voraussichtlich grandiosen Album. Eng!

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  4. gut wie er den funkverteidigern gegenueber steht.is kooler dude der dilemma.

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  5. warum kommst du auf köln ?

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  6. Köln??? Wo liegt denn das? Doch nicht etwa in Deutschland, oder?

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  7. Freu mich auf die Vinyl-Version und die darin enthaltenen freshen Flows und dopen Rhymes- ist man ja gewohnt von ihm!

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