Herr Merkt spricht mit HipHop: Herr von Grau


Verehrte Leserinnen und Leser,
anlässlich der Veröffentlichung Ihres aktuellen Albums "Revue" am 28.05.2010 hatte ich die Gelegenheit, ein Interview mit Herr von Grau zu führen. "Revue" können Sie bei Interesse als Schallplatte, CD, MP3-Download und Musikkassette erstehen!

Guten Tag die Herren. Zum Einstieg möchte ich Sie darum bitten, die Leserinnen und Leser aufzuklären, wer oder was Herr von Grau sind. Wie kam diese etwas ungewöhnliche Namensgebung für eine Zwei-Mann-Rap-Kapelle zustande?
Guten Tag der Herr.
Herr von Grau besteht aus zwei Menschen, die da wären: Benny (Beats, Raps) und Kraatz (Live-DJ und Backup, Sound-engineering, Beats, Öffentlichkeitsarbeit, Booking etc.)
Die etwas kuriose Namensgebung hat folgenden Ursprung:
Ursprünglich waren wir keine Zwei-Mann-Kapelle im eigentlichen Sinne, sondern Benny ein Ein-Mensch-Orchester, das Beats und Raps alleine machte, den Kraatz kennenlernte, welcher diese Musik dann im eigenen Homestudio aufnahm, mischte und masterte, ein MySpace-Profil einrichtete, und so Benny, der sich damals schon Herr von Grau nannte, den musikalischen Schritt in die Öffentlichkeit ermöglichte. Das erste graue Album "Blumenbeet" war geboren. Kraatz begleitete Benny auch auf die ersten Herr von Grau-Konzerte, und mischte da den Live-Sound. Bald merkte man, dass ein Live-DJ schon etwas hermachen würde und da Kraatz in jüngeren Jahren schon Erfahrungen als HipHop-DJ gesammelt hatte, übernahm er diesen Part. Einige Zeit später wurde dann dem Kraatz auch ein Mikrofon zu den Plattenspielern gestellt und er übernahm nun auch die Rolle des Backup-MCs und bald darauf auch die des Tanzchoreographiepartners. Sprich: Wir wuchsen auf der Live-Ebene immer mehr zusammen, was sich bald darauf auch in der Studio- und Öffentlichkeitsarbeit fortsetzte. Kraatz begann aktiv in den Musikentstehungsprozess einzugreifen, warf schon im Anfangsstadium der Songs Ideen mit ein, auch öfter einmal mit Hilfe einer eigens eingespielten Gitarre oder eines Basses und Benny machte sich mit dem Themenfeld der Public Relations vertraut. Was sich bei der Produktion des zweiten Langspielers "Heldenplätze" schon abzeichnete, ist nun mit "Revue" unwiderlegbare Realität geworden: Wir sind ne Band, einer wär nix ohne den andern. Diesmal ging Benny schon mit noch ganz rohen Loops zu Kraatz ins Studio und man jammte darüber, spielte zusammen eine Vielzahl verschiedener Instrumente ein, die in den letzten beiden Jahren gesammelt wurden. Die Ergebnisse dieser Sessions nahm Benny dann wieder mit nach Hause, hexelte daran herum was das Zeug hielt, spielte Synths dazu und das Ganze ging wieder zurück ins Studio, wo der Prozess dann manchmal wieder von Neuem begann. Das ging oft viele Male so hin und her, bis wir das Gefühl hatten, ein Song sei fertig. Auch wurden diesmal sogar Loops von Kraatz als Basis genommen („Ruf die Bullen“, „Revue“). Fest steht nun, dass Herr von Grau keineswegs nur der Name eines Rappers ist, sondern der einer Boygroup.

Ihr Einstand "Blumenbeet 2.0" erschien in Eigenregie, für den Nachfolger "Heldenplätze" gingen Sie ein Abhängigkeitsverhältnis mit rappers.in ein. Es scheint, als hätte sich dieser Schritt seinerzeit in einem größeren Bekanntheitsgrad ausgezahlt. Warum folgt nun mit "Revue", welches über Ihr eigenes Label Grautöne Records erscheint, der Schritt zurück in die Unabhängigkeit?
Der größere Bekanntheitsgrad nach „Heldenplätze“ war eher eine Folge der weiterentwickelten Musik und vieler Live-Gigs als der Labelwahl. Natürlich war es so, dass allein die große Internetplattform unseres Ex-Labels viele der dortigen Mitglieder auf uns aufmerksam machte. Da diese jedoch größtenteils nicht unsere Zielgruppe sind und über das rappers.in-Universum hinaus nur das an Promo passierte, was Kraatz anleierte, kann man nicht sagen, wir wären - hätten wir auf diesen Schritt verzichtet - heute nicht da, wo wir sind. Und da kommen wir eben zum Punkt, an dem wir uns entschieden haben, doch wieder alles selber zu machen: Wir haben die meiste Arbeit, wir leben das was wir machen und wollen nicht einsehen, dass jemand, der viel, viel weniger tut als wir, das meiste Geld bekommt. Außerdem war es schon immer ein kleiner Traum von uns ein eigenes Label zu haben.

Verstehen Sie Grautöne Records hauptsächlich als Plattform für Ihre eigene Musik oder wird früher oder später die Veröffentlichung von Werken anderer Künstler angestrebt?
Bis jetzt sind wir erst einmal mit der grauen Musik voll ausgelastet, wollen aber nicht ausschließen, dass auch irgendwann einmal wer anders unsere kleine Firma nutzt.

"Revue" klingt sehr eigenständig und hat in punkto Soundästhetik nur wenig mit kommerziell erfolgreichen deutschsprachigen HipHop-Produktionen gemein. Woher beziehen Sie die Inspiration für Ihr Werk?
Auf jeden Fall nicht - wie Sie soeben treffend feststellten - von kommerziell erfolgreichem deutschem Rap. Da wir eine Vielzahl von musikalischen Genres feiern (Benny viel Elektronisches, Kraatz viel Gitarrenlastiges), ist es die Summe all dieser verschiedenen Musikrichtungen, die sich in Zitatform in der Unseren wieder findet. Vor allem Benny ist kein großer Deutschrapfan.

Gestatten Sie mir die Feststellung, dass sich Herr von Grau bis dato in ihrem eigenen HipHop-Universum bewegten: Sie griffen in Ihrem bisherigen Werk ausschließlich auf Eigenproduktionen zurück und auf Wortbeiträge anderer Künstler wurde konsequent verzichtet. Auf "Revue" finden sich jedoch Wortbeiträge von Chefket und Jen. Erkennen Sie dieses Aufbrechen des Herr von Grauschen Universums als eine bewusste Entscheidung im Sinne einer kommerziellen Wachstumsvoraussetzung oder sehen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern als logische Konsequenz eines künstlerischen Entwicklungsprozesses?
Weder noch. Wir haben nie ausgeschlossen, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten. Es bot sich aber bis "Revue" auch nicht wirklich an. Jetzt hat es sich einfach so ergeben und wir sind sehr glücklich darüber, diese beiden wunderbaren Stimmen auf dieser Platte zu haben.

Jen ist Saturns "Geiz ist geil"-Stimme. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Kraatz ist Tonmeister in einem Studio, das Werbung vertont und arbeitete in den vergangenen Jahren viel mit Jen zusammen. Auf einer Party lernte dann auch Benny diese Dame kennen und hörte sie dort spontan singen. Er war derart angetan, dass er sie sofort fragte, ob sie Lust auf eine Kooperation hätte. Nun hat man nicht nur ihre Stimme auf Platte bannen können, sondern auch eine sehr charmante Freundin dazu gewonnen.

Wird die interessierte Käuferin / der interessierte Käufer "Revue" im Saturn-Markt seines Vertrauens erstehen können?
Bis jetzt nicht. Wir wollen dies aber auch nicht von vornherein ausschließen. Allerdings werden wir wohl erstmal keinen Deal mit einem größeren Vertrieb eingehen, welcher uns dann nach einem Jahr alle nicht verkauften Alben wieder zurückschickt und dadurch für uns eine Menge Kosten verursacht.

Welche Erwartungen haben Sie an "Revue" und Ihre damit verbundene Konzertreise? Glauben Sie an kommerzielle Erfolge oder sehen Sie Ihre Form des intelligenten HipHop als Nischen- / Liebhaberprodukt?
Wir haben keine konkreten Erwartungen, was den kommerziellen Erfolg anbetrifft und lassen uns überraschen. Wir denken aber, dass ab dem Augenblick, wo auch HipHop-unabhängige Medien über uns berichten, die Chancen auf finanzielle Besserstellung extrem steigen werden, da wir immer wieder von rapfernen Menschen, die irgendwie über uns gestolpert sind, zu hören bekommen, dass wir etwas ganz Besonderes sind und auch für sie konsumierbar. Von der Revuereise erwarten wir uns viele intensive graue Partys mit viel Schweiß von uns, von den Fans und den Barkeepern! Und viele Tage im neuen Bulli, den wir jetzt ausbauen, um auch unterwegs produzieren zu können! Geiles altes Dieselmobil, ein Traum!

In Zeiten der zunehmenden Digitalisierung der Musikerzeugnisse erlebt aktuell neben dem Vinyl auch die gute alte Musikkassette eine kleine Renaissance. Auch "Revue" erscheint laut Pressetext auf Vinyl und Musikkassette. Worin liegt dieser Trend Ihrer Meinung nach begründet? Warum haben Sie sich für eine Veröffentlichung von "Revue" als Musikkassette entschieden?
Kraatz ist ein großer Liebhaber von solchen Formaten. Der Trend hängt wahrscheinlich mit der Beliebigkeit und Entmaterialisierung digitaler Medien zusammen. Die Leute besinnen sich auf alte Formate wie Platte oder Tape zurück, da diese noch "greifbar" und "echt" sind, sprich auch einmal Macken aufweisen können und ein messbares Gewicht haben. So wie das Auge ja auch immer mitisst, kann ein analoger Tonträger den Musikgenuss durch die Einbindung mehrerer Sinne noch steigern. Außerdem klingt er anders, oft sogar wärmer und besser. Wir sind aber keine Format-Nazis. Auch MP3s haben definitiv ihre Vorteile.

Szenario: Sie treffen im Ghetto auf eine potentielle Hörerin / einen potentiellen Hörer, der Ihre Musik nicht kennt! Mit welchen fünf Titeln aus Ihrem bisherigen Schaffen würden Sie versuchen, ihren Adressaten von Ihren künstlerischen Qualitäten zu überzeugen? Bitte begründen Sie Ihre Angaben!
Da wir uns sehr selten in Ghettos herumtreiben ist das jetzt natürlich schwer, da wir ja nicht wissen, wer da so wohnt. Also stellen wir uns vor, wir treffen dort auf einen Durchschnittsmenschen - sagen wir mal einen Querschnitt aus Bennys Nachbarn im Wedding.
1. "Mama": Funktioniert besonders gut bei Menschen, die mit deutschem Rap nix zu tun haben wollen, da ihnen dummes Maskulinitätsgefeiere und der gesamte Gestus auf den Wecker fallen. Es ist ja leider oft so, dass nur solche Aspekte deutschsprachiger Sprechmusik bei nicht Rap-affinen Menschen ankommen, was durchaus auch eine Folge einseitiger Berichterstattung von Seiten der Medien ist.
2. "Revue": Beschreibt ziemlich gut, was einen bei Herr von Grau erwartet, nämlich hohe Höhen und tiefe Tiefen.
3. "Heldenplätze": Die Probleme, die Zivilcourage oft mit sich bringen kann, sind halt sehr vielen bekannt.
4. "Ersieso": Ist halt sehr lustig.
5. "Hoffmann": Um zu zeigen, dass graue Musik einen auch in den Keller ziehen kann.

Ich bedanke mich für das informative Interview und wünsche Ihnen mit Ihrem Album "Revue" viel Erfolg. Möchten Sie noch ein paar letzte Worte an meine Leserinnen und Leser richten?
Bitte, gern.
Hört gute Musik!

Kommentare:

  1. warum kennt keine sau dieses geniale duo? eine schande!

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  2. ich kenne sie und hab mir sogar die cds gekauft und war auf konzerten :P

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