Herr Merkt spricht mit HipHop: Team Avantgarde

Anlässlich der Veröffentlichung ihres Albums "Paradox" konnte ich ein Interview mit Phase und Zenit führen, die dem aufmerksamen Leser als Team Avantgarde ein Begriff sein sollten.

Guten Tag. Ich freue mich sehr, dass Sie sich in diesen arbeitsreichen Tagen rund um die Veröffentlichung von "Paradox" die Zeit für ein kurzes Interview mit "Herr Merkt spricht über HipHop" nehmen.

"Paradox" ist mittlerweile schon ein paar Tage auf dem Markt. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Resonanz? Wurden Ihre Erwartungen erfüllt? Ich für meinen Teil vernahm bis dato reichlich Positives!

Zenit: In unserem Umfeld herrscht doch ziemlich einstimmige Resonanz über die hohe Qualität des Albums. Wer diesem Album rein gar nichts abgewinnen kann, der sollte sich andere Hobbies suchen. Mag zwar arrogant klingen, aber Fakt ist, dass es ein wirklich gutes Album ist.
Phase: Ich bin sehr zufrieden mit der Resonanz, den Leuten scheint es zu gefallen. Es gibt bestimmt ein paar Hardcore-Fans die sich denken: Team Avantgarde machen jetzt so einen Sound, früher war er besser oder sowas. Aber ich denke, die werden es auch noch peilen was "Paradox" fürn herrliches Album ist. Für mich ist immer ganz interessant zu sehen was dabei heraus kommt, wenn ich Leute nach ihren Top3-Liedern frage, dann sehe ich wie das Album wirkt. Für mich ist das Wichtigste, dass wir kein Album machen, über das alle sagen: Lied 2 und Lied 5 sind Überknüppel, der Rest ist ganz ookay..bisher glaube ich jetzt schon in der Reaktion der Leute gemerkt zu haben, dass alle unterschiedliche Top3-Lieder haben und das beruhigt mich. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich das im Laufe der Zeit bei vielen auch noch ändern wird. Ein Lied wie "Mein Tag", "Konvention" oder "Ich will dich mit niemanden teilen" öffnet sich etwas langsamer und benötigt es, ein paar Mal gehört zu werden.

Im Vergleich zum Vorgänger "Absolut" klingt "Paradox" entsprechend meiner ersten Wahrnehmung fast schon leichtfüßig. Einerseits könnte dies bedeuten, dass es Ihnen heutzutage besser geht, andererseits könnte genau das Gegenteil der Fall sein, da Sie auf "Paradox" die Musik in einem geringeren Maße als selbsttherapeutisches Ventil benutzten. Welche Variante trifft zu? Oder unterliege ich gar einer Fehlwahrnehmung?
Zenit: Ich für meinen Teil kann sagen, dass es mir besser geht und ich mehr Ordnung in mein Leben bekommen habe. Ordnung die meine Seele betrifft. Es geht da gar nicht um irgendeine Regelmäßigkeit, sondern eher darum, dass ich vieles nicht mehr so eng und es mir dadurch besser geht. Ich denke ich werde nie eine Frohnatur im wörtlichen Sinne sein, aber die Zeiten der postpubertären, durchgängigen Melancholie sind vorbei. Aber es war auch unser Anliegen dieses Album leichter zu halten, um den Hörer nicht so auf die harte Probe zu stellen. Obwohl ich mich daran erinnern kann, dass das meiner Auffassung nach nicht von Anfang der Produktion dieses Albums so war.
Phase: Das Verückte ist, dass ich neulich mit meiner Freundin auf dem Bett saß und noch mal bisschen die Songs reflektiert habe und da ist uns tatsächlich aufgefallen, dass alle schwermütigen Lieder ("30m²", "Geträumt", "Paradox", etc.) noch in meiner scheiß-kleinen Hinterhof-Bude entstanden sind und die frischen neuen Sachen alle in unserer gemeinsamen neuen Wohnung. Das war mir bis dahin überhaupt nicht bewusst gewesen. Aber es zeigt mir eben, wie nah meine Stimmungen an den Liedern dran sind und das ist mir auch extrem wichtig. Es ist eben auch so, dass ich gerade bei dem Album versucht habe, Satzstrukturen und Reime eher simple zu halten um dieses leichte Gefühl zu erzeugen. Wenn du komplizierte, komplexe Patterns benutzt freuen sich ein paar Nerds über die Komplexität, aber es ist für den Hörer auch anstrengender zu hören und das Gefühl geht nicht so schnell in den Kopf! Mir ist dieses Pattern-Ding nach 20 Jahren nicht mehr ganz so wichtig. Klar mache ich auch mal gerne nen Song wo nur Rytmusstrukturen wichtig sind, wie "Guck mein Drumset", aber dafür benutze ich dann keine Thementracks. Ich weiss, dass mir das ein paar Leute vorwerfen, aber ich will, dass meine Bilder leicht zugänglich sind und bleiben! Ich meine, "Fertig" ist ein schönes Lied, weil es reale Bilder hat und Stimmungswechsel in den Breaks, aber nicht übertechnetisiert ist. Genau wie der Beat und das Video, es muss eben zusammen passen. Vielleicht werde ich es auf dem nächsten Album wieder ändern, aber bei "Paradox" wollte ich es so!

Auf den einzelnen Anspielstationen von "Paradox" ist ein nahezu perfektes Zusammenspiel von Stimme, Inhalt und Produktion zu konstatieren. Können Sie meinen Leserinnen und Lesern einen Einblick in die Arbeitsabläufe von Team Avantgarde geben?
Phase: Ich gehe weg, so mit meinen Jungs oder spazieren oder so und dann fallen mir Situationen oder Dinge auf, die jemand sagt oder tut und dann spielt sich in meinem Kopf eine Art Dialog ab, wo ich gegen rappe oder gegen die Situation oder ein Gefühl.... Ich meine, der Anfang von "Konventionen", die ersten Sätze: da saß ich mit Absolut am Tisch und hab geschrieben und "Das Band was uns Verband ist schon lange verschwunden..." bezieht sich eben darauf, wenn man jung ist, denkt man, man ist seinen Kumpels so ähnlich und dann wird man älter und merkt, wie sich Leute verändern und immer weiter von einem wegrücken und man auch dieses Gefühl von Einsamkeit hat, die Konventionen tun dann noch das Übrige! Also das heißt mir sind die Situationen zu den Liedern sehr wichtig, weil ich damit versuche einen Moment, ein Gefühl festzuhalten, Wut oder Traurigkeit, Einsamkeit, egal was. Das ist auch einer der Gründe, warum ich ungerne Sätze im Nachhinein verändere. Ich will den Satz so, wie ich ihn in dem Moment gefühlt habe..und ich denke in diesem Lied ("Konventionen") steckt viel von dem Gefühl, dass ich das nicht mitmachen will, aber irgendwie doch alles muss! Also auch wieder dieser Kampf mit mir selbst!
Zenit: Wir haben quasi durchgehend den Weg gesucht, dass Phase mir die A Cappellas gab, welche er auf anderen Beats geschrieben/improviert hat und ich habe diese mit neuen Instrumentalen versehen. Ich habe dabei versucht, so viel wie möglich von den Texten und Phases Stimmung in den Liedern einzufangen. Wir verstehen uns einfach mittlerweile sehr gut in dieser Hinsicht und können dem Anderen vollends vertrauen.

Team Avantgarde stand und steht nach wie vor für wertvolle Inhalte. Wie verträgt sich diese Feststellung mit dem Intro von "Sometimes", in welchem Sie Rappern vorhalten, sich verkrampft an Inhalte zu klammern?
Phase: Ach das hat damit zu tun, dass man das tun sollte, worauf man Bock hat. Ich habe so oft bei Leuten das Gefühl, die machen dann noch ein trauriges Lied aus Prinzip und suchen dann krampfhaft nach irgendwelchen Inhalten..Ich meine, das geht mir selbst auch so. Ich habe dieses Gefühl auch schon gehabt und Jeder, der Musik macht kennt das bestimmt. Man denkt dann daran, was den Leuten wohl gefällt und schon bei dem Gedanken verkrampft man. "Sometimes" ist z.B. eine Emanzipation von diesem Gefühl! Musik ist Freiheit und wenn man frei sein will, muss man manchmal auf Andere scheißen!!
Zenit: Es geht einfach um die Musik. Nicht mehr, nicht weniger und das ist das was zählt.

Mit "Konventionen", "Fertig!", "Sometimes", "30 m²" und "Deinen Namen" wurden in den vergangenen Wochen gleich fünf Videos zu "Paradox" präsentiert. Rechnet sich dieser Aufwand? Was ist die Motivation hinter dieser Video-Flut?
Phase: Für mich schon. Es ist ja so, dass die Lieder sowieso alle immer bei YouTube online sind. Dann dachte ich mir statt blöde einfach mit Coverbild, setze ich mich ran und mache auch ein bisschen was! Leute wie Staubfilm, die "30m²" gemacht haben, sind unumstritten Götter! Sie schaffen es, musikalische Stimmungen perfekt umzusetzen und das ist das was zählt! Ich denke auch, dass es wichtig ist, mal was Visuelles wiederzugeben.
Zenit: Wenn wir uns Gedanken machen würden, was sich im Business der Musik rechnet, wären wir wahrscheinlich noch dabei „Reine Nervensache“ fertig zu stellen. Wir wollten einfach nur nach dem großartigen „Absolut“ Album, welches nur ein Video bekam, und das auch noch sehr lange nach Veröffentlichung der CD, ein Album machen, bei welchem wir auch visuell viel stärker präsentiert werden. Phase, der sich auch in die Materie der Videobearbeitung eingearbeitet hat, war auch maßgeblich an den ganzen Videos beteiligt. Es war ein Gemisch aus Penentranz und Appellen an das Label, wie auch die bereits erwähnte Eigeninitiative von Phase. Die Leute haben halt heutzutage eine immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne und dem wollten wir entgegenwirken.

Der hohe künstlerische Anspruch ist den liebevoll gestalteten Veröffentlichungen über Edit Entertainment anzumerken. Verbessern Sie mich, falls ich mich irre, jedoch gehe ich davon aus, dass sich ein solcher Anspruch auch in höheren Produktionskosten niederschlägt. Daher stellt sich mir die Frage, ob Edit Entertainment in Zeiten des fortschreitenden Labelsterbens finanziell auf eigenen Beinen steht oder ob es sich dabei vielmehr um ein bezuschusstes Liebhaberprojekt handelt.
Zenit: Wir finanzieren uns ausschließlich über die Einnahmen aller Verkäufe von Edit. Egal ob es jetzt Tonträger, Kleidungsstücke oder Sonstiges sind. Wir müssen knapp kalkulieren ohne Frage, aber wie ihr seht hauen wir trotzdem regelmäßig Neuheiten raus. Bei uns trifft es sowieso weniger zu als bei Anderen, dass ein Künstler 9 andere mitfinanziert. Wir versuchen und hoffen, das Qualitätsniveau stets hoch zu halten und so die Verluste bei nicht so gut laufenden Veröffentlichungen so gering wie möglich zu halten. Leider lässt sich sowas nicht so einfach steuern. Es gehört auch Glück dazu, wie ein Album ankommt.

In verschiedenen Interviews weisen Sie darauf hin, dass die Künstler von Edit Entertainment nicht von der Musik leben können und daher nebenbei arbeiten oder studieren (müssen) - auch Phase liegt meines Wissens in den letzten Zügen seiner Diplomarbeit. Danach beginnt der wirkliche Ernst des Lebens mit zunehmenden arbeitsbedingten Verpflichtungen. Wie wirken sich diese anstehenden Veränderungen auf die Zukunft von Edit Entertainment und von Team Avantgarde aus?
Zenit: Bei mir war es schon ziemlich lange so, dass ich vollberuflich nebenbei gearbeitet habe, aber es früher noch eher dieses work-on-demand Prinzip war. Jetzt wo es wirklich sehr regelmäßig ist und die Zeit natürlich knapper bemessen ist, sitze ich an einem Beat zwangsläufig länger, damit ich dann wirklich eine kleine, aber feine Auswahl an Beats für Phase habe. Gekoppelt ist das alles sowieso mit einem immer höher werdenden Qualitätsanspruch. Einfach mit weniger viel mehr erreichen.
Phase: Ach, ich war neulich mit Justus ein bisschen spazieren und er meinte, seitdem er fest arbeite, habe er wieder viel mehr Bock auf Rappen. Das hat mich irgendwie motiviert, ich denke, das wird niemals aufhören...Rap bleibt immer ein Ausdrucksmittel meines verückten Kopfes!

Zenit, Sie sind neben Ihrer Arbeit für Team Avantgarde auch durch Ihre grandiose Remix-Reihe in Erscheinung getreten. Wie war das Feedback der neu interpretierten Künstler? Könnten Sie sich für die Zukunft vorstellen, Ihre Produktionskunst vermehrt auch anderen Künstlern anzubieten?
Zenit: Wie bereits in der vorherigen Frage beantwortet, ist dieses Unterfangen doch recht schwierig für mich zu handhaben. Klar würde ich auch gerne für Andere was machen, aber als erstes bekommt nunmal Phase die Sachen und da stellt sich dann heraus, ob es ihm schmeckt oder nicht.

"Paradox" ist bereits die zehnte Veröffentlichung über Edit Entertainment. Was hat die interessierte Leserin / der interessierte Leser in naher Zukunft zu erwarten? Touraktivitäten? Veröffentlichungen? Videos?
Zenit: Da wir immer am Arbeiten an weiteren Alben sind, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass weitere Team Avantgarde-Alben rausgebracht werden und mein Instrumentalalbum würde ich auch noch gerne einer Hörerschaft vermachen. Es wird noch ein Video von "Escape" geben. Es ist fertig und steht in den Startlöchern zur medialen Verbreitung.
Phase: Also ich mach ein Solo, Zenit macht ein Solo, dann NPS und ein neues Amewu-Album, dann hoffe ich sehr auf ein Wakka-Soloalbum! Und viele neue Videos natürlich!!

Zuletzt möchte ich Sie zu meinem beliebten Assoziationsspiel einladen, in dem ich Ihnen verschiedene Begriffe vorgebe, zu denen Sie jeweils Ihre ersten Assoziationen nennen.

Paradox?
Zenit: Alles!
Phase: Ein heißer Tag, Schnaps und am Mic zusammenbrechen!

Trauerfeier?
Zenit: Eine unangenehme Situation, die angenehm zueinander finden lässt.
Phase: Es ist unfassbar, wenn jemand stirbt, den man gerne mochte!

Hassliebe?
Zenit: Eine mitunter stark agierende Form der Liebe.
Phase: Zenit und Phase! (Lacht)

Summer Cems Ladeneröffnung?
Zenit: Welcher Summer Cem?
Phase: Lustiger Typ, kann gut rappen, nur diese "Ich ficke Jeden"-Scheiße hat mich vor 5 jahren schon genervt und tut es heute immer noch!

Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen bei all Ihren zukünftigen Aktivitäten weiterhin viel Erfolg! Möchten Sie noch einige letzte Worte an meine Fans richten?
Phase: Danke an alle die unser Album gekauft haben und es vor allem regelmäßig hören. Ich finde es schade, dass Alben durch Release-Fluten nur noch so kurze Halbwertszeiten haben. Damit man ein Album richtig feiern kann, braucht es manchmal ein wenig, dafür bekommt das Album aber auch in Verbindung mit Erinnerungen immer mehr Wert! Man sollte sich mal darauf einlassen und nicht gleich die nächsten 3 Alben ziehen!!

Kommentare:

  1. Tolles Interview. Habe ich genossen zu lesen!

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  2. hat mir auch sehr gefallen!

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  3. schönes interview, symphatische menschen!! toll jemacht, herr merkt

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