Herr Merkt spricht mit HipHop: Sebastian Andrej Schweizer (Chimperator)

Verehrte Leserinnen und Leser,
es geht rund im Hause Chimperator. Neben der kürzlich veröffentlichten Kodimey-Free-EP "Bangarang" stehen am 11.02.2010 mit Tuas "Stille" und dem "11 Jahre Chimperator" gleich zwei Veröffentlichungen an und auch in der Konzertlandschaft wird fleißig mitgemischt. Grund genug, sich einmal ausführlich mit Sebastian Andrej Schweizer über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Labels zu unterhalten.

Guten Tag Herr Chimperator. Vielen Dank, dass Sie sich in dieser arbeitsreichen Phase Ihres Labelbetriebs die Zeit nehmen, sich meinen Fragen zu stellen.
Guten Tag Herr Merkt, kein Problem, gerne, ich danke Ihnen.


Bevor wir uns mit den Produkten Chimperators beschäftigen, möchte ich Sie darum bitten, etwas über die Strukturen Ihres Labels zu erzählen. Mir scheint, als ob die jüngsten Achtungserfolge die externen Einschätzungen Ihres Unternehmens stark verzerren!
Da haben Sie recht. Maeckes hat erst vor kurzem einen Link an alle durchgeschickt zu einem Forumseintrag. Da hatte jemand sinngemäß geschrieben „Chimperator ist ein kleines Unternehmen, die haben vielleicht 20 Mitarbeiter.“ So weit sind wir noch nicht ganz. Aber das war schon nah dran. Wir sind aktuell zu dritt. Mein Kollege Niko Papadopoulos macht die kaufmännische Leitung also Steuern, Vertrieb, Produktion… alles was mit Geld zu tun hat. Steffen Posner macht unser Booking und außerdem Events und hat oft sehr viele gute Ideen und ich mach die kreative Leitung also Marketing, Promo, Künstlerentwicklung, die ganze Kommunikation nach außen.

Dieses Jahr feiert das Label Chimperator sein elfjähriges Bestehen. Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch hierzu! Besitzen Sie die Güte, den Leserinnen und Lesern einen kurzen Einblick in die Anfänge eines von Deutschlands führenden HipHop-Labels zu geben? Wie sah das Label in der Prä-Orsons-Ära aus?
Dankeschön. Also angefangen haben wir ´99, da haben wir ein Tape der Gruppe „Supreme Techtics“ veröffentlicht. Da war zum ersten Mal das Chimperator Logo drauf. Damals waren wir vielleicht 10 Leute die alle Musik gemacht haben und die niemand kannte. DJs, Rapper und Produzenten. Von den 10 Leuten aus der Anfangszeit sind heute nur noch Kodimey und ich dabei. Wir wollten unsere Musik raus bringen und haben das einfach gemacht, ohne darüber nachzudenken wie ein Label funktioniert oder was das genau für Aufgaben hat. In der Anfangszeit hab ich dann sehr viele Bücher gelesen über Labelgründung, Künstlerentwicklung. Musikrecht.. über alles was damit zu tun hat und mit der Zeit wurde dann alles strukturierter und professioneller. 2004 haben wir Maeckes und Plan B unter Vertrag genommen und unseren Vertriebsdeal mit rough trade unterschrieben. Da ist dann auch Niko, den man vielleicht eher unter dem Namen DJ Peerless kennt, mit in die Firma eingestiegen. Dann ging alles immer schneller und schwups war auch schon 2008 und das erste Orsons Album ist raus gekommen.

Im vergangenen Jahr feierten Sie mit den Alben von Kaas ("T.A.F.K.A.A.Z. :D", Platz 100) und der Orsons ("Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Orsons", Platz 79) die ersten Charterfolge in Ihrer langjährigen Labelhistorie. Hinzu kommen nicht enden wollende szene-interne Lobgesänge auf die Talente der Herren Maeckes und Tua. Inwiefern wirken diese Umstände auf interne Erwartungshaltungen und die Bereitschaft, für zukünftige Veröffentlichungen größere finanzielle Wagnisse einzugehen, zurück?
Natürlich beeinflusst uns das. Gerade die Charts sind da aber auch gefährlich. Eigentlich bedeuten die nichts und gleichzeitig auch alles. Wir könnten jetzt z.B. mit dem neuen Maeckes Album „KIDS“ schlechter charten als mit den Orsons und trotzdem mehr verkaufen. Das kommt immer auf die VÖ-Woche an. Wenn wir mehr verkaufen ist das natürlich schön für uns, von der Außenwirkung her ist aber eine schlechtere Chartpositionierung ein Rückschritt. Und das nicht nur bei den Fans sondern auch bei den Medienpartnern. Deswegen wollen wir natürlich gerne Platz #79 toppen und das Maeckes Album hat auch das Zeug dazu.
Bis jetzt haben wir uns von Release zu Release was die Verkaufszahlen und auch unsere Investition angeht immer gesteigert. Wir sind dabei aber auch sehr vorsichtig. Niko hat die Kosten immer im Blick und wir werden jetzt nicht plötzlich Verrückt werden und 20.000 EUR Videos drehen oder mehrere Anzeigen schalten. Das ist einfach noch nicht drin. Aber ja, das wirkt sich auch auf die Bereitschaft mehr Geld in die Hand zu nehmen aus.

Chimperator gibt sich in seiner Veröffentlichungspolitik gerne großzügig. So wurde der HipHop-Kopf in den vergangenen Monaten mit kostenfreien Downloads von Maeckes ("Mash Up" und "Null"), Plan B ("Pi Pa Po"), Kaas ("Der Garten der Liebe" EP), Kodimey ("Bangarang" EP) und der Orsons ("Die EP") reich beschenkt. Darin erkenne ich den sinnvollen Ansatz, den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern, ohne mit CD-Pressungen finanzielle Risiken einzugehen. Sehen Sie in solch einem Vorgehen die Zukunft des zeitgemäßen Künstleraufbaus?
Also so neu ist der Ansatz ja jetzt nicht. Die Amis machen das ja schon eine ganze Weile und auch wir haben das mit Plan B – mit Zack! Boom! Peng! - und Kodimey – mit Bam! Boozeled - schon sehr viel früher gemacht. Aber ich denke ja, das ist eine gute Sache. Musik wird inzwischen einfach anders konsumiert. Dadurch dass im Grunde alles auch für umsonst zugänglich ist, überlegt der Hörer 5 mal bevor er sich etwas kauft das er noch nicht kennt. Und bevor ich dann Geld investiere das nicht recoupt wird und filehoster mit meinem Content Geld verdienen, stell ich das doch lieber selbst online. Ich kann mir auch vorstellen das – sollte es nicht irgendwann eine Kulturflatrate geben – Alben komplett für umsonst released werden und nur noch als Marketingtool für Tour, Merch, Duschgel oder was auch immer funktionieren.

Am 12. Februar 2010 erscheint neben Tuas "Stille" auch Ihr vielerorts sehnlichst erwarteter Labelsampler in limitierter Auflage. Dabei wird besonders die Limitierung des Samplers kritisch hinterfragt, da aufgrund der illustren Besetzung des Werkes mit Kaas, Tua, Maeckes, Plan B und Kodimey großes Potential prognostiziert wird. Können Sie mich eventuell in die zentralen Gedankengänge während der Entscheidungsfindung einweihen?
Ich hab das auch schon im Chimperator Blog kurz erklärt. Das hat vor allem Zeitgründe. Wir sind wie gesagt zu dritt, haben aber zum Glück Künstler mit einem unglaublich großen Output. Im Moment schaffen wir das nicht, das alles regulär zu releasen. Ein „richtiges“ Album braucht einfach sehr viel mehr Vorlaufzeit. Der Vertrieb braucht das Album am besten mehrere Wochen vor VÖ, die Promo muss viel früher los gehen, damit man rechtzeitig überall rein kommt usw. Dazu kommt jetzt bei dem Sampler das sich die Aufnahmen dazu unglaublich gezogen haben und Sampler einfach auch weniger gekauft werden als „normale“ Alben. Ich finde außerdem eine Limitierung auch etwas schönes. Da hat man dann nachher etwas wirklich Besonderes in der Hand, das nicht jeder hat. Und letztendlich ist das auch Chimperator: wir sind etwas Besonderes und unsere Fans sind besondere Menschen.

Neben Tua und Maeckes wird unter anderem auch Wasi eine Produktion zum Sampler beisteuern. Weiterhin wird mit "Unterschied" einem klassischen Werk der Massiven Töne gehuldigt. Wie sind Sie auf die Massiven Töne aufmerksam geworden?
Die Massiven hab ich das erste Mal auf ihrer EP „Dichter in Stuttgart“ gehört. Kurz danach dann das „Kopfnicker“ Album und da hats mir dann direkt den Vogel raus gehauen. Das war zu der damaligen Zeit so neu und fresh, das war ein wichtiger Meilenstein für deutschen Rap.

Einerseits ist es hoch anzurechnen, dass Sie mit den Massiven Tönen Ikonen der lokalen HipHop-Szene würdigen. Andererseits fehlen mir ein wenig die Bezüge zum eigenen Frühwerk. Was ist aus frühen Chimperator-Acts wie Kesselkost, Supreme Techtics und Bejone & Vince geworden? Darf der interessierte HipHop-Historiker eventuell in naher Zukunft mit einer "Best of Chimperator"-Veröffentlichung rechnen, auf welcher auch diese Acts berücksichtigt werden?
Die Bands gibt es alle nicht mehr. Frontmann von Kesselkost war Kodimey und der ist auf dem Sampler vertreten. Supreme Techtics waren Coco und Steven Styler, der lange Zeit auch unser Grafiker war, der aber inzwischen nach Japan ausgewandert ist. Bejone & Vince waren ich und mein DJ Vince Vegas und ich rappe seit bestimmt 5 Jahren nicht mehr und ich möchte das auch nicht mehr machen. Deswegen muss ich Sie da leider enttäuschen. Wenn Coco allerdings das hier liest und mal wieder etwas veröffentlichen möchte, soll er sich melden. Der war nämlich richtig gut.

Wenn so verschiedene Künstler wie Tua, Kaas, Maeckes, Plan B und Kodimey gemeinsam einen Sampler aufnehmen, dann kommt es sicherlich vereinzelt zu kreativen Differenzen. Konnten Sie während der Produktionsphase bei der Resolution dieser Differenzen eine bestimmte Hierarchie erkennen oder greift gar das Label regulierend ein?
Das ist immer verschieden. Maeckes und Tua sind beide Leitwölfe wenn sie wollen. Wenn sie nicht wollen können sie ein schwerer Glotz am Bein sein. KAAS ist dann manchmal ein unglaublicher Motivator der alle wieder auf Kurs bringen kann. Wir greifen auch mal regulierend ein. Generell ist das aber ein großes Miteinander bei uns.

Meine Wahrnehmung ist, dass die Chimperator-Künstler in verschiedensten Konstellationen durchgehend auf Tua sind. So wird auch die Veröffentlichung Ihres Jubiläumssamplers von einer prominent besetzten Tour flankiert. Haben die Einnahmen durch Live-Auftritte mittlerweile die Einnahmen aus Plattenverkäufen als Haupteinnahmequelle des Labels verdrängt?
Zusammen mit den Einnahmen aus dem Merch-Verkauf während der Tour ja.

In den vergangenen Wochen sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass die Orsons im Mai als Vorband für die Hamburger Sprechgesangs-Kapelle Fettes Brot fungieren werden. Eine großartige Gelegenheit, neue Hörerschaften zu erschließen. Was versprechen Sie sich als Label von der Tour?
Alles was für die Orsons großartig ist, ist auch für uns als Label großartig. Ich denke die Orsons können sich dort eine komplett neue Hörerschaft erspielen. Bis jetzt haben wir bei den Orsons ein sehr junges Publikum. Das Fettes Brot Publikum ist da sehr viel älter und die meisten werden die Orsons nicht kennen, werden sie aber – wenn Sie die Show gesehen haben - lieben. Besser geht’s nicht. Und man hat ja auch schon die Spatzen flüstern hören das am 36. Stroböber eventuell eine neues Orsons Album erscheint. Das passt natürlich auch sehr gut.

Es scheint, als sähe die Zukunft Chimperators rosig aus. Welche Veröffentlichungen dürfen meine Fans nach Tuas "Stille" und dem "11 Jahre Chimperator"-Jubiläumssampler erwarten?
Am 26.03. kommt das große und unglaublich starke „KIDS“ Album von Maeckes. Das wird wirklich groß.
Eine Tour wird es dazu auch geben. Danach kommt das zweite Studio Album von KAAS und ich freu mich schon jetzt auf die Mail in der wir bekannt geben wer alles dafür produziert hat. Und dann kommt ja auch noch irgendwann der 36. Stroböber.

Ich bedanke mich recht herzlich für das informative Interview und wünsche Ihnen eine goldene Zukunft! Natürlich gehören wie immer die letzten Worte Ihnen!
Ich habe zu danken. Ihnen ebenfalls eine goldene Zukunft und alles Gute.

Kommentare:

  1. schönes Interview, danke. Sampler hab ich mir schon bstellt.

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  2. GREAT =) Orsons fOr evOr !!! Werde mir selbstverständlich KIDS & den Chimperator-Sampler auch besorgen :)

    ",...möge die Liebe mit EUCH sein..." <3

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  3. "Meine Wahrnehmung ist, dass die Chimperator-Künstler in verschiedensten Konstellationen durchgehend auf Tua sind."

    Sicher, dass das so gemeint war? :D

    Schönes Interview, danke!

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  4. Ja bestimmt, ein gern verwendetes Wortspiel. Tour wird einfach sehr oft wie Tua ausgesprochen.

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