Audio88 & Yassin - Nochmal zwei Herrengedeck, bitte (Review)

Bereits auf "Zwei Herrengedeck bitte" konnte Deutschraps Vorzeige-Querdenker Audio88 im Duett mit Yassin im Vorjahr in stark limitierter Auflage mit schonungslos formulierter Gesellschaftskritik szeneinterne Jubelstürme herauf beschwören. So ist es nur konsequent, dass das Duett dieser Tage mit dem folgerichtig betitelten "Nochmal zwei Herrengedeck bitte" nachlegt. Mit Morlockk Dilemma, dem Retrogott, Hiob und Lunte konnte hierfür die Avantgarde des kantigen deutschsprachigen HipHops für Gastbeiträge verpflichtet werden. Auch die gelungenen Beiträge von El Ray, Sir Serch und soda sollen an dieser Stelle nicht unter den Tisch fallen.

Entsprechend der im Vorfeld geschürten Erwartungen werden auf "Nochmal zwei Herrengedeck bitte" die zweifelhaften Wertvorstellung einer an Oberflächlichkeit und Ambivalenz krankenden Gesellschaft angeprangert, wenn nicht gar erfolgreich demontiert, ohne dabei in ermüdend hohle Phrasen - wie sie aus der linken Rapszene nur allzu gut bekannt sind - zu verfallen. In gut 60 Minuten werden unter anderem Alkoholismus ("Pegel halten" mit El Ray), Religion ("Der gute Mensch", "Gott trinkt"), Schwarzkopien ("Pathos 2.0" mit Sir Serch) und suboptimale Erziehungspraktiken ("Sandy & Justin") in gleichgültig anonymer Nachbarschaft ("Sandy & Justin (Diswosierherkomm)") kritisch thematisiert. Wenn der Retrogott anklopft, werden selbstverständlich auch stiltreu wacke MCs im "Gäste-WC" abgewatscht. Raptechnisch geschieht dies mit den gewohnten Ecken und Kanten, die man schon auf dem Vorgänger "Zwei Herrengedeck bitte" lieben lernte.

Frei von jedweden negativen Überraschungen verschmelzen die klassisch geprägten Produktionen von Ausnahmekönnern wie Dexter, The Beep, Hieronymuz, Bit-Tuner, Yannic & Yassin und Maki mit der sensationell scharfzüngigen und unbeischlafbaren Lyrik der Protagonisten zu einem homogenen Gesamtkunstwerk, welches je nach Gemütslage unheimlich Spass macht oder unglaublich anstrengend ist. Grandios!

Wertung: 5,5/6

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