Gerard MC - Blur (Review)

to blur / trüben, verwischen, verschwimmen

Im Sinne des Titels verschwimmen auf Gerard MCs zweitem Album "Blur" die Grenzen zwischen 16 individuellen Anspielstationen, um sich kohärent in ein übergeordnetes Gesamtkonzept einzureihen. Auf einem akustischen Gerüst, welches bewusst künstlich geschaffene Grenzen zwischen elektronischer Musik, Felsenmusik und HipHop sprengt, bietet der 22-jährige Wiener seine Geschichten dar, die gemäß dem eigenen Selbstverständnis nicht weniger als das Lebensgefühl einer Generation zwischen Zukunftsangst und Rauschzustand widerspiegeln. Schöne Worte, deren abschließende Beurteilung letztlich nicht Gegenstand dieser Plattenkritik sein kann. Lassen Sie mich den Fokus daher vom Allgemeinen zum Spezifischen verschieben - bewegen wir uns von der anonymen Masse zum Individuum.

Auf diesem Auflösungsgrad erzählt Gerard MC die intern konsistente, dezent melancholische Geschichte eines jungen Erwachsenen, der sich zwischen den beiden obig erwähnten Polen der Zukunftsangst und des Rauschzustands bewegt. Wandernd zwischen diesen Polen werden einerseits schmerzhafte Trennungen verarbeitet ("Was bleibt") oder die Substanz von Freundschaften hinterfragt ("Einatmen, ausatmen"), aber auch andererseits die schönen Seiten des Lebens besprechgesungen ("Beautiful day" mit Deniz) sowie ordentlich auf den Kot geschlagen ("Gelbgrünblau"). Dies alles geschieht musikalisch wie aus einem Guss, so dass es dem geneigten Rezensenten schwer fällt, Favoriten zu benennen. So können mit "Brief aus der Leere", "Ab jetzt" oder "Zweiundzwanzigjetzt" beliebig Anspieltipps benannt werden, ohne dass man einen ernsteren Fehler begeht.

Musikalisch verantwortlich für das vorliegende Meisterwerk zeichnen Fid Mella, Mainloop, clefco, Gerard MC, DJ GQ, saiko, sowie Maeckes, wobei Letzterer wie auch Flip von Texta ebenfalls verbal in Erscheinung tritt, ohne dabei gegenüber dem Protagonisten qualitativ abzufallen. Letztlich ist "Blur" eine der großen Überraschungen der sich dem Ende entgegen neigenden Spielzeit, an der man - vor allem in Interaktion mit der einsetzenden kalten Jahreszeit - nicht wirklich vorbei kommt. Kaufen!

Wertung: 5,5/6

1 Kommentar:

  1. Sehr geehrter Herr Merkt,

    es hat den Anschein, dass Ihnen das Wesen (in Ihrer Diktion "die anonyme Masse") dieses Albums verwehrt geblieben ist. Glaubt man Ihrer Besprechung, so könnte man insofern irregeleitet werden, als Sie der zentralen Gestalt ein Schwanken zwischen Zukunftsangst und Rauschzustand versichern. Vielmehr drängt sich der Gedanke an klassische Zerrissenheit des Künstlers in seiner Reifezeit auf. Die scheinbare Wahlmöglichkeit zwischen gesellschaftlich akzeptiertem Lebensstil und wilder Ehe mit der Kunst drängt ihn unter anderem in den Rauschzustand, als vermeintlich letzten Zufluchtsort. Um dies zu erfassen hätte auch ein sorgfältiges Studium des gut formulierten Pressetextes genügt.

    Des Weiteren sei an dieser Stelle erwähnt, dass das zwanghafte Vermeiden vermeintlicher Anglizismen ("Felsenmusik") einerseits dem Text nicht zuträglich ist und andererseits dem geneigten Leser unnötige Rätsel aufgibt. Die englische Sprache zeigt sich auch deutschen Wörtern gegenüber tolerant ("gedankenexperiment" Achtung: zweideutig!). Selbiges gilt für müßig eingesetzte Fremd- uud Lehnwörter. Die Qualität eines Textes kann dadurch nicht versteckt werden.

    Nichtsdestotrotz stimme ich in Ihrer Schlussfolgerung überein und bin von dem Album positiv überrascht.

    Herzlichst,

    Ihr Sceffino

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