"Deutschlands vergessene Kinder 2": Das Interview


Verehrte Leserinnen und Leser,
anlässlich der Veröffentlichung des Charity-Samplers "Deutschlands vergessene Kinder 2" bot sich mir die Gelegenheit, per eMail ein Interview mit Jan "Pasu" Pasutti zu führen.

Seit vergangenem Freitag steht der Charity-Sampler "Deutschlands vergessene Kinder 2" in den Läden. Sind Sie mit der bisherigen Resonanz zufrieden?
Ja, sehr sogar. Gerade im Hinblick auf Weihnachten ist „Deutschlands vergessene Kinder 2“ eine tolle Möglichkeit, Musikliebhabern eine Freunde zu machen, und gleichzeitig noch etwas Gutes zu tun. Ich rufe auch weiterhin auf, die Jugendarbeit in der ARCHE durch den Kauf der CD zu unterstützen. Allgemein genießt das Projekt „Deutschlands vergessene Kinder“ durch seinen Charity-Gedanken ein hohes Ansehen.

Die erste Ausgabe von "Deutschlands vergessene Kinder" bestach durch eine beinahe unheimliche mediale Ausdauer und konnte gar den "street award 2009" einheimsen. Hätten Sie mit diesem Erfolg gerechnet und wie wirkt sich der Erfolg auf die Erwartungen an die zweite Ausgabe von "Deutschlands vergessene Kinder" aus?
Ich bin grundsätzlich jemand, der Erwartungen senkt, nicht zuletzt, weil mir von Seiten junger, neuer Künstler immer wieder falsche Vorstellungen begegnen. Mit der Auszeichnung konnten wir nicht rechnen, haben uns aber umso mehr darüber gefreut. Der Award kann schon im zweiten Jahr seines Bestehens viel Unterstützung von prominenter Seite verbuchen. Er bestätigt die Idee hinter „Deutschlands vergessene Kinder“ quasi nochmal offiziell. Das Thema Armut und Kinderarmut wird über die kommenden Jahre zum zunehmenden Problem für unser Land werden, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Ich sehe nicht, dass derzeit ausreichend präventiv gegengesteuert wird.

Die Situation der Musikindustrie ist kritisch. Besonders in der HipHop-Szene wurden in jüngerer Vergangenheit mehrere Labels mangels Rentabilität geschlossen. Kann ein Sampler wie "Deutschlands vergessene Kinder 2" für das Arche-Projekt noch nennenswerte Einnahmen generieren oder dient das Projekt vielmehr der Aufmerksamkeitslenkung auf die Problematik der Kinderarmut in Deutschland?
Sowohl als auch. Eines der größten Probleme ist, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Missstände gar nicht selber erkennen. Dieses Bewusstsein wecken wir in intensiven Gesprächen im Rahmen des „ARCHE HipHop-Projekts“, was aber nicht von gestern auf heute passiert. Die Einsicht, dass ein bestimmter Lebensstil direkt in die Sackgasse führt, ist nicht immer einfach zu gewinnen. Sowohl die ARCHE, als auch das „ARCHE HipHop-Projekt“, finanzieren sich zu einhundert Prozent aus Spenden. Die ARCHE ist auf Unternehmens- und Privatspenden angewiesen, das „ARCHE HipHop-Projekt“ auf die Erlöse aus dem Verkauf des Soundtracks. Ich hoffe das wird entsprechend anerkannt. Ansonsten ist es längst müßig Zahlenspiele über Verkäufe anzustellen. Ob man auf 40 oder 80 in die Charts einsteigt, macht keinen großen Unterschied mehr.

Wie läuft die Kontaktaufnahme mit den Künstlern ab? Ist es schwer, gestandene Künstler wie Curse, Olli Banjo oder Cassandra Steen zu einer Teilnahme am Projekt zu bewegen? Bekommen Sie viele Absagen?
So schwer ist das nicht, „Deutschlands vergessene Kinder“ erfährt breite Zustimmung. Der Charity-Gedanke tut da sein Übriges. Der Produktionsprozess selber zieht sich natürlich länger hin, weil hier Unterlagen fehlen, dort noch ein Mixdown usw. Wir arbeiten mit einem großen Künstlerverteiler. Manch einer meldet sich nie, andere schicken schon zwei Wochen nach der Anfrage einen exklusiven Song. Der Kontakt läuft dann über den Künstler selbst, das Management oder das Label. Man sollte sich nur nie die Hoffnung machen, dass es mit einer Deadline getan wäre.

Mit Olson Rough, Herr von Grau, Hammer & Zirkel, Mädness und PMA haben Sie eine Reihe musikalischer Leckerbissen aus dem Untergrund an Bord. Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Ich bin ein großer Freund der Idee, relativ unbekannten Künstlern eine Plattform zu bieten. Inwiefern kam während der Produktion des Samplers der Gedanke auf, im Sinne der guten Sache für bekanntere Namen (sogenannte Zugpferde) musikalische Einbußen hinzunehmen? Scooter generieren sicherlich mehr Verkäufe als Olson Rough.
Über neunzig Prozent der Kids, die die ARCHEN in Deutschland besuchen, hören deutschsprachige Rap-Musik. Daher lag es nahe den Sampler aus - ich nenne es mal so - urbaner Musik zusammenzustellen. Die große Bandbreite ist auch ein Beitrag zum Thema Balance. Manch einer wird sich an unseren offenen Brief an MTV erinnern, in dem wir uns schon damals dafür stark gemacht haben. Dass es ohne bekannte Namen nicht geht ist klar. Aber auch dafür ist gesorgt. Ich würde zudem nicht unterschreiben, dass ein Soundtrack mit den unterschiedlichsten Genres automatisch mehr Geld generieren würde. Was ist interessanter? Ein Rap-Sampler mit rotem Faden so wie „Deutschlands vergessene Kinder 2“, oder eine bunte Mischung mit ein bisschen Rock, ein bisschen Rap, ein bisschen Electro? Ich zumindest meine ersteres.

HipHop im Allgemeinen, deutschsprachiger HipHop im Speziellen genießt in der öffentlichen Wahrnehmung gelinde gesagt einen zweifelhaften Ruf. Gerade in den Mainstream-Medien wird der schwarze Peter sehr gerne unserer Kultur zugeschoben. War es angesichts dieser Tatsache schwierig, dieses Projekt gemeinsam mit den Verantwortlichen der "Arche" zu lancieren? So arbeiten Sie auf Ihren Samplern auch durchaus mit umstrittenen Künstlern wie Frauenarzt und B-Tight zusammen.
Es gab Bedenken, das ist richtig. Heute herrscht bei jungen Hörern eine große Affinität dazu, Texte wörtlich zu nehmen und diese auch nachzuleben. Wer den Refrain von „Gangbang“ kennt, kann sich den Rest jetzt denken. Wir reden hier wohlgemerkt von 12-Jährigen. Dass wir umstrittene Künstler nicht ausschließen hat damit zu tun, dass genau ihre Musik die Kids erreicht. Wenn die sagen, da läuft was falsch, hat das Gewicht. Auf der Pressekonferenz letzte Woche in Berlin sagte zum Beispiel Curse, dass er es verstehen könne, wenn nur solche Jungs auf dem Sampler wären. Denn seine Musik erreicht diese Kids nicht mehr.

Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview. Möchten Sie meinen Fans noch etwas mit auf den Weg geben?
Liebe Herr Merkt-Fans, ich bedanke mich - auch im Namen der ARCHE - recht herzlich für die Unterstützung des Projekts „Deutschlands vergessene Kinder 2“. Es versucht einen kleinen Teil dazu bei zu tragen, dass Kinder in Deutschland nicht verloren gehen. Mit dem Kauf dieses Soundtracks dürfte es nie einfacherer gefallen sein, etwas Gutes zu tun. Alle Informationen, das komplette Pre-Listening und Erwerbsmöglichkeiten gibt es auf www.deutschlands-vergessene-kinder.info. Vielen Dank!

1 Kommentar:

  1. werden mehrere Exemplare als Weihnachtsgeschenke gekauft

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