Juvel - Wolkenloch (Review)

Auf den ersten Blick verfügt Curtains Up-Rapper Juvel über sämtliche Attribute, die die selbsternannte Bildungselite der HipHop-Gemeinde vermeintlich wissend abwinken und das Gehör auf Durchzug schalten lässt: Migrationshintergrund, grobe Verortung im Subgenre "Straßenrap" und Manuellsen-Feature. Angesichts dieser latent rassistischen Einstellung übersieht der arrogante Schnösel nur zu gerne die beinahe schon beängstigende inhaltliche Substanz, die dem 14 Anspielstationen umfassenden Werk des Hamburger Jurastudenten innewohnt. Besagtes Werk hört auf den Namen "Wolkenloch" und erschien vor gut zwei Monaten über Phrequincys Label Curtains Up. Während Phrequincy selbst nur für eine Produktion verantwortlich zeichnet, übernehmen die Haus- und Hofproduzenten M3 & Noyd den Bärenanteil der Produktion und tragen dazu bei, dass sich "Wolkenloch" bezüglich der Instrumentierung deutlich auf der Haben-Seite bewegt. Zusätzliche Produktionen von Benny Blanco, den Blockbusters und 80's Baby tun diesem Eindruck keinen Abbruch. Textlich beginnt "Wolkenloch" mit zwei durchschnittlichen Representern ("Gütesiegel" und "Es kann losgehen") verhalten, bevor sich der Künstler in "Sippschaft" nachdrücklich gegen Blutsfehden ausspricht und mit "Löcher durch Wolken" eine der besseren "Kopf hoch"-Nummern der aktuellen Spielzeit vorlegt. "Sei mir nicht böse" (mit Josof) und "Ich denk an euch" können dieses Niveau mühelos halten, bevor der überdurchschnittliche Representer "Ess meine Zunge" den Startschuss für die zweite Albumhälfte darstellt. Darauf präsentiert Ihnen Juvel sechs veritable Hits, die für sich alleine genommen den unbestrittenen Höhepunkt einer Vielzahl ähnlich gearteter Alben des Subgenres "Straßenrap" markieren würden. Bedrückend nachvollziehbar thematisiert der gebürtige Iraner den Verlust geliebter Menschen ("Lasst uns heute alle sterben" - Highlight!), den migrationstechnisch bedingten relativen "sozialen Abstieg" seiner Kernfamilie ("Damals & heute" mit Josof) oder das Ende einer erfüllenden Liebesbeziehung ("Mano to"). Das Thema "Loyalität" wird auf "Mach mich gerade" erfrischend persönlich und wenig plakativ behandelt, "Manchmal" (mit Manuellsen) gibt einen Einblick in allgemeine mentale Krisen. Einzig die multifunktionale Städtehymne "Meine Stadt" mit Azad (stark verbessert), Bass Sultan Hengzt und Manuellsen bricht die intime Melancholie besagter Stücke auf, ohne dabei jedoch merklich im Niveau abzufallen. Alles in Allem handelt es sich bei "Wolkenloch" um ein sträflich vernachlässigtes Werk eines aufstrebenden Künstlers, dessen große Stärke im persönlichen Storytelling liegt. Ich schließe mich gerne Europas größtem HipHop-Magazin an und fordere Sie dazu auf, dieses Werk nicht zu verpassen. Vor allem die zweite Hälfte macht "Wolkenloch" zu einem absoluten Pflichtkauf! Wertung: 5/6

Kommentare:

  1. aber seine reime sind einfach altbacken wie sau. ist ja gut gemeint. wenn das album nicht so gut produziert wär, würdens alle scheiße finde. zurecht

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  2. ich finde das album krass. und der hat doch durchgehend doppelreime.

    ich finde sowieso dass die reime beim storytelling nur begleiten... es geht um die inhalte. die sind genau wie die produktion top.

    wenn kanye west's album nicht so gut produziert wäre, würden es auch alle scheisse finden, was ist das für ein argument? haha

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