Herr von Grau - Heldenplätze (Review)

Nachdem man im Hause rappers.in mit der Veröffentlichung von Alligatoahs "In Gottes Namen" erste Achtungserfolge einfahren konnte, steht nun die zweite Veröffentlichung über die neu gegründete Plattenfirma in den Startlöchern. Mit Herr von Grau konnte man sich hierfür die Dienste eines Künstlers sichern, der sich schon auf seinem Erstlingswerk "Blumenbeet" durch scharfsinnige Realitätsaufnahmen für höhere Würden empfahl und wenigen als Rohdiamant in Erinnerung blieb. Ergebnis der nominell vielversprechenden Zusammenarbeit ist ein physikalischer Tonträger, der auf den verheißungsvollen Namen "Heldenplätze" hört. Darauf versammelt Herr von Grau insgesamt 17 Anspielstationen, die inhaltlich wie musikalisch weit abseits vom aktuellen Status Quo deutscher HipHop-Kunst verortet sind. In diesem Zusammenhang sei insbesondere auf die beiden Skits "Straggln und hassln" und "Streyt häidn" verwiesen, die die gängigen HipHop-Klischees schlicht, aber wirkungsvoll ad absurdum führen. Entsprechend erwarten den geneigten Hörer Tracks, auf denen Herr von Grau typische Alltagsgeschichten vorträgt, mit denen sich nicht nur der durchschnittliche Zuhälter aus dem dreizehnten Stock identifizieren kann und die nicht selten von Selbstironie geprägt sind. So thematisiert Herr von Grau suboptimale Erstkontakte mit hübschen Nachbarinnen ("Nebenan") und fehlgeschlagene Zivilcourage ("Heldenplätze": "Da hab ich mich mal wieder selbst überschätzt/Heldenplätze werden echt nur selten besetzt/ich war felsenfest der Überzeugung, dass ich die Sache im Griff hab/und wie immer wenn's so ist endet's bitter"), um dann auf Tracks wie "Yippieh" und "Tanzen" zur temporären Verdrängung alltäglicher Sorgen aufzurufen (Stichwort: Copingstrategien). Als weiterer Anspieltipp sei Ihnen das fantastische "ErSieSo" ans Herz gelegt, auf dem Herr von Grau zwei grundsätzlich verschiedene Weltsichten kontrastiert, um den Track schließlich mit einem überraschenden, da unerwarteten Ende zu schließen. Unwesentlich weniger spektakulär gestaltet sich das von Wortspielereien geprägte "Nicht jeder" ("Nicht jeder, der "Mein lieber Scholli" sagt, hat Scholli auch lieb"), welches nach meiner Lesart zum Blick hinter oberflächliche Fassaden ermutigt. Weiter erwähnenswert sind das genial mysophobische "Drinnen", sowie das relegionskritische "Klebeband", welches gehöriges Diskussionspotential aufweist und unlängst mit einem sehenswerten Video veredelt wurde. Insgesamt gelingt es Herr von Grau, den Zuhörer auf "Heldenplätze" über die gesamte Spielzeit in seinen Bann zu ziehen. Diesem Umstand ist sicherlich auch Herr von Graus anständiger, in sich ruhender Flow zuträglich, der sich unaufdringlich, aber dennoch effektiv seinen Weg durch die Gehörgänge aufgeschlossener Rezipienten erschließt und wunderbar mit den selbst produzierten Instrumentalen harmoniert. Diese laden dann auch vielmehr zum entspannten Zuhören als zum ungehemmten Tanz ein und unterstützen dadurch den Fokus auf die inhaltliche Diversität, die dieses Album wohltuend von dem ein oder anderen Konkurrenzprodukt abhebt. Falls Herr von Grau bis dato an Ihnen vorbeigegangen sein sollte, wird es höchste Zeit, dass Sie diesen intelligenten Künstler kennenlernen. Wertung: 4,5/6 vorab erschienen bei rap.de

1 Kommentar:

  1. hab mal die dreistigkeit besessen, deine review auf meenem blog zu verlinken. immer noch dickes danke für den tip.

    cheerz der digifla.

    AntwortenLöschen

Bitte kommentieren Sie die Beiträge mit dem Maße an Respekt gegenüber den Künstlern, das auch Ihnen entgegengebracht werden soll.
Kritik ist durchaus erwünscht, aber nur in einem angemessenen Ton und von konstruktiver Natur.
Sollten Sie sich nicht daran halten, wird die freie Kommentarfunktion demnächst eingestellt und Kommentare sind nur noch nach Registrierung möglich!