F.R. - Vorsicht, Stufe! (Review)

Worin genau der Sinn besteht, eine ganze Stadt mit Stickern zu pflastern, um am Veröffentlichungstag kein einziges Exemplar an die örtlichen Plattenläden und Großhandelsketten auszuliefern, erschließt sich mir auch nach 30-minütiger Überlegung auf der Zugfahrt zur Nachbarstadt, in der immerhin einer von drei Plattenläden mit einem Exemplar beliefert wurde, immer noch nicht so ganz. Abgesehen von dieser offensichtlichen Fehlleistung des Vertriebs bietet "Vorsicht, Stufe!" jedoch nur wenige Ansatzpunkte für Kritik. Schon im Opener "Jag das Gelände hoch" zeigt F.R. der Konkurrenz wo flow- und reimtechnisch der Hammer hängt, bevor er mit "Rap braucht Abitur" eine Forderung aufstellt, die er mit den beiden intelligenten Tracks "Prison" und "Erwachsen werden" umgehend einlöst. Dabei stellt "Prison" gekonnt eine Analogie zu gängigen gesellschaftlichen Standards her, während "Erwachsen werden" das ambivalente Gefühlsleben eines Heranwachsenden treffend auf den Punkt bringt. Um den durchschnittlichen HipHop-Kopf nicht kognitiv zu überladen, wird mit "Rap ist mein Fetisch" HipHop repräsentiert und mit Olli Banjo das kongeniale Prequel zu "Zwischen Genie und Wahnsinn" namens "Geister und Dämonen" gedreht. Großes Kino! Nach der kurzen kognitiven Ruhepause wird es mit "Kopf oder Herz", "Seelenfrieden" und einem der Highlights namens "Verlorene Seelen" inhaltlich wieder anspruchsvoller, ohne dabei flowtechnisch in die Belanglosigkeit abzurutschen und auf einfache Reimschemata zurückzugreifen. In diesem Kontext wirkt der prinzipiell okaye Representer "Gerne so wie ich" reichlich deplaziert. Viel stärker kommt da schon das "Phantom der Poser" mit Ercandize und DJ CSP um die Ecke, in dem F.R. ein umfassendes Verständnis für die Grundlagen und Werte der HipHop-Kultur demonstriert und der "gefickten Musik" wieder ein wenig Seele einhaucht. Mit dem Alliterations-Feuerwerk "Das F und das R" flowt sich F.R. in Höchstform, bevor er auf "Grenzenlos" in doppelter Geschwindigkeit neue Sphären in Angriff nimmt. "Nie gesehen" erinnert sowohl von der Idee, als auch von der Qualität der Strophen her an die grandiose Banjo/Samy-Kollabo "Unmöglich", wobei die von Lemonia unterstützte Hook zwingender ausfallen könnte. Umso zwingender fällt das retrospektive "Alles was ich habe" aus, in dem F.R. einen Brief an sein jüngeres Ich schreibt, womit er sein persönliches Meisterstück abliefert. Mit "Vorsicht, Stufe!" flowt sich F.R. vorbei an all den Gangsterrap-Imitaten und direkt in die erste Liga der deutschen HipHop-Szene. Wenn weiterhin eine Entwicklung wie die bisherige zu beobachten ist, kann F.R. schon in zwei Alben um die Meisterschaft mitspielen. Die Voraussetzungen könnten mit Kontakten zu begnadeten Beatbauern wie den Beatgees, Zwieback, Chrizmatic und Brisk Fingaz kaum besser sein. Wertung: 4,5/6

Kommentare:

  1. f.r. kann schön auf den tackt rappen, und auch mal nett doubletime flowen. das wars dann aber auch schon. in punkto delivery, und vorallem wortwahl und inhalt is der junge mit das langweiligste was je mit einem ( zumindest ideelen) rucksack auf deutschlands bühnen gestanden hat.
    allein dieses rap braucht abitur thema, oder die tatsache das er stolz drauf ist das omas in der bahn ihn für einen netten jungen halten sagt doch schon alles. wie kann man denn bitte schön ernsthaft versuchen mit bravsein zu provozieren?
    vielleicht sollte ihn sein kunstlehrer mal hinsetzen und ihm erklären wie das so funktioniert mit der kunst, den neuen ansätzen und der provokation. gesellschaftliche konformität hat in den fünfzigern vielleicht mal musiker erfolgreich gemacht, aber die zeiten von peter alexander und heintje sind zum glück schon etwas länger vorbei.

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  2. Bin ich ganz deiner Meinung......

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  3. Wer zum Teufel sagt denn, dass man immer provozieren muss??

    Finde den Kommentar sehr dumm... F.R. verbindet seine sehr guten Texte und Flows mit sehr abwechslungsreichen Ideen, da gibt es einfach nichts zu kritisieren meiner Meinung nach...

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  4. stimm dem 1. post im großen u ganzen zu.

    bin auch eher backpacker eigentlich, aber ich höre mir lieber nen track von BSH als von F.R. an, zu viel dummes belangloses getexte, verkrampft auf intelligent und nett machen ist genauso scheiße wie auf Gangster machen. bloß noch langweiliger.

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  5. Ich entnehme euren Kommentaren mal, dass ihr nur die Single gehört habt, mehr nicht, da F.R. (eigentlich nichtmal in der Single) "krampfhaft auf Intelligent macht." Er macht allerhöchstens einfach keinen Hohn daraus, dass er was im Kopf hat und damit auch etwas anstellen will (Abi). Wo ist das verwürfig?

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  6. hallo.. mal kurz zur sache mit dem vertrieb und der verfügbarkeit eines tonträgers. bin kürzlich im örtlichen mediamarkt zu arbeit gekommen und mit erschrecken stellt man fest, dass alle keene ahnung haben, sich nicht mit den neuheiten beschäftigen etc..
    da gibt es zwar das von großen firmen eingeführte VMI-system, bei dem neuheiten automatisch zugesandt werden aber dass tun halt nicht alle firmen bzw. sucht sich jeder markt aus, inwieweit er dies zulässt.. und wenn die "fachspezialisten" im markt nichts bestellen, dann bekommste deine cd halt auch nicht am VÖ-tag, egal wieviele sticker kleben, die "experten" sehen diese wahrscheinlich garnicht oder denken sich dann: "grosse werbung, wird bestimmt automatisch reinkommen".. so läuft das auf arbeit, wirklich schade.. also keine schuld dem vertrieb ;) kannst halt nur auf vernünftiges fachpersonal hoffen

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