Rapinterpretation: Olli Banjo - Pistole

Verehrte Leserinnen und Leser, in der neuen Rubrik "Rapinterpretation" werde ich in losen Abständen Interpretationen von kontroversen Rap-Texten zum besten geben. Ich hoffe, hierdurch einige Mißverständnisse aufklären zu können und die Kritiker zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit der Musik bewegen zu können. Beginnen möchte ich in dieser Ausgabe mit Olli Banjos Szene-Hit "Pistole", der für Aufruhr sorgte und wohl auch vereinzelt von übermotivierten JournalistINNEN mißverstanden wurde. Ich hab eine Pistole, du hast keine Pistole. 3x Du hast, du hast. Diese einfachen, aber sehr effektiven Zeilen stellen die Hook (Kehrvers) dieses Stückes dar. Die Ironie in diesen Zeilen ist dem Hörer nur dann ersichtlich, wenn ihm das sprachlich höchst elaborierte Gesamtwerk des Künstlers Olli Banjo bekannt ist. In der ersten Strophe rappt Olli Banjo nicht aus seiner eigenen Perspektive. Das lyrische Ich schlüpft dabei in die Rolle eines prototypischen, wenig begabten Gangster-Rappers namens Mehmet. Ich hab meine Gun dabei, sie macht Prrrrrrrr, ihr seid jetzt Kartoffelbrei. Olli Banjo eröffnet die erste Strophe, die insgesamt als Überzeichnung der Gangster-Attitude in der deutschsprachigen HipHop-Szene zu interpretieren ist, mit dieser Sinneinheit. Besonderes Augenmerk sei hierbei auf das Wort Kartoffelbrei gelegt, da dieses die negativ assoziierte Bezeichung "Kartoffel" (für: Deutsche) beinhaltet, die in der HipHop-Szene vor allem durch Eko Freshs an Fler adressierte Zeilen auf "Abrechnung" Einzug hielt. Des Weiteren dient "Kartoffelbrei" als ironische Überzeichnung, da handelsübliche Pistolen ("Guns") in der Regel nicht dazu geeignet sind, einen ausgewachsenen Menschen vollständig zu pürieren. Mama sagt, dass ich in der Schule hocken bleib, ich komm gleich zum Essen, ich muss noch über Fotzen reimen. In diesen Zeilen wird das ambivalente Verhältnis des deutschen Gangster-Rap zum weiblichen Geschlecht thematisiert. Einerseits wird die eigene weibliche Erziehungsberechtigte ("Mama") vergöttert bzw. es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis, andererseits werden weibliche Wesen mit anderem Genom als Sexobjekte degradiert bzw. mit abschätzigen Bezeichnungen ihrer primären Sexualmerkmale benannt. Ich fick den ganzen Tag und kiff und verkaufe nachts Crack und lauf nachts ins Geschäft, durch's Fenster, krach, ich bin Chef. Ich Gangster, du nur ein Depp. Du Opfer. Was? Willst du Stress? Olli Banjo beschreibt in diesen Zeilen den fiktiven Tagesablauf eines durchschnittlichen Internet-Gangsters. Besondere Brisanz gewinnen diese Zeilen im Sinnzusammenhang mit den vorhergehenden Lines, aus denen hervorgeht, dass es sich beim lyrischen Ich offensichtlich um einen minderjährigen Schüler handelt, der noch von seiner Mutter bekocht wird. Ich kann zwar nicht rappen gut, aber ich rap über Blut. Und Blut ist gut für mein Image. Diese Zeilen üben implizit Kritik an dem Umstand, dass es heutzutage nicht mehr auf das Talent ankommt, sondern hauptsächlich auf ein gut aufgebautes Image, welches den kleinen Kindern den Großstadtflair in das Kinderzimmer transportiert. Yeah Ich komm nicht aus Österreich. Was reimt sich auf Österreich? Österreich, schöner Reim, schieb dir einen Döner rein. Hier prangert der Künstler den zunehmenden Verfall der hohen deutschen Reimkunst an, die vor allem der falsch verstandenen Disziplin "Spitten" (zu deutsch: spucken) geschuldet ist. Hierbei geht es ursprünglich darum, in zwei aufeinanderfolgenden Zeilen die selben Worte in unterschiedlicher semantischer Bedeutung zu verwenden. Dank Künstlern wie Bushido wurde diese Kunstform jedoch stark verwässert. Ganz nebenbei liefert der Künstler mit "schöner Reim" und "Döner rein" gleich zwei, zugegebenermaßen unsaubere, Triple-Reime auf das Wort "Österreich". Respekt! Du willst jetzt zu rappen versuchen, du rappender Kuchen, komm mich in meinem Ghetto besuchen. Hier wird die Stilisierung des Ghettos als "place to be" ("Platz zum sein") und die damit verbundene Verschiebung von musikalischem Wettkampf hin zu Gewalt angedeutet. Der ironische Unterton der gesamten ersten Strophe impliziert Kritik. Kumpel von Mehmet: Yeah, Mehmet, du bist der Geilste, Alter, du bist doppelt so gut, rap doch mal Doppel- Time. Mehmet: Ich rap sogar Doppel- Time, kuck, was meine Gun macht, mein Gun macht, ganaganaganag. Hier wird ein Einblick in die ungünstige Interaktion von Pseudo-Gangster-Rappern mit ihrer Crew (zu deutsch: Freundeskreis, Weggefährten) gegeben, die in peinlichen Selbstüberschätzungen und regelmäßig heulend vor Dieter Bohlen bei "Deutschland sucht den Superstar" endet. Ich hab eine Pistole, du hast keine Pistole. Du hast, du hast. Kehrvers (siehe oben) In der zweiten Strophe verlässt der Künstler Olli Banjo das lyrische Ich und beschreibt nun aus eigener Perspektive den Status Quo der deutschen Gangster-Rap-Szene. Spätestens nun sollte sich dem halbwegs intelligenzbegabten Kritiker die Ironie der ersten Strophe offenbaren. Jetzt Stopp! Olli fängt bei Null an, deutsche Rapper wischen sich den Arsch mit Stacheldraht beim Pullern. Diese Einheit leitet den Perspektivenwechsel mit einem symbolischen "Stopp!" ein, bevor der Künstler Olli (Anmerkung des Verfassers: Banjo) auch den Hörer ohne Vorwissen in seine Welt mitnimmt und die Kritik explizit auf den Punkt bringt. Dabei wird umgehend die oft sinnlos demonstrierte Härte angeprangert. Wo wollt ihr Motherfucker hin mit Dünnschiss, gekoppelt mit Dreck auf'm Müllbeat. Selbstverständlich muss sich der durchschnittliche Gangster-Rapper die Frage gefallen lassen, was er mit seiner verbalen Diarrhöe auf minderwertigen musikalischen Untermalungen überhaupt erreichen möchte. Sicherlich lassen sich durch diese Kombination nur pubertierende Jugendliche beeindrucken, die sich ihre Musik auf illegalem Wege über das Internet besorgen, da der durch Gangster-Rap propagierte Lebenswandel (insbesondere Kokain) doch recht kostspielig ist und kein Geld für Musik übrig bleibt. Ich will in den Charts oben bleiben, oh wie einfach, guck einfach was große Signings overseas so schreiben über Hoes und Drive-Bys, nimm deinen großen Bleistift, flow und schreib doofe Reime über Koks, Drogen, Weiber, Hoden, Scheiden, und dass deine Großstadt geil ist. Sicherlich ist auch der steigende Einfluss erfolgreicher amerikanischer Künstler aus Übersee ("große Signings Overseas") auf den thematischen Kanon von deutschem Rap nicht zu vernachlässigen. Was im Anbetracht der Lebensrealität in amerikanischen Großstädten für amerikanische Künstler authentisch ist, kann bei MC Horst aus Dormagen affig wirken. Ein Plädoyer für mehr Authentizität in der Musik! Jetzt noch modisch stylisch, so verkleiden, wie im Video von Ice. Schon vom Weiten sieht man deine Hose weit und rosa Nikes, New Era, Benni Miles, Ecko, Mekka, Rolex, Ice und dies und das ... HipHop verkommt in manchen Kreisen eher zur Modeschau für 10XL-Shirts, Designer-Marken und teure Accesoires. Dieser unglückliche Umstand, der in Videos von Künstlern wie (Anmerkung des Verfassers: Vanilla) Ice propagiert wird, wird von deutschen Künstlern zu gerne adaptiert. Ein Trend, dem im Sinne des ursprünglichen Geistes der Kultur entgegengewirkt werden muss! und alles außer Raptalent steckt, je schlechter der Rap, desto größer der Impact bei Fans. Hör, merk dir diese dumme Kacke ist für Deutschland tödlich und diese Scheiße ist leider nur in Deutschland möglich. Olli Banjo bemängelt zurecht den Umstand, dass in bestimmtmen Kreisen vor allem jene Auswucherungen der deutschen HipHop-Szene gefeiert werden, denen das Talent zum adäquaten Umgang mit Sprache nicht gerade in die Wiege gelegt wurde. Dass dieser Umstand auf Dauer die öffentliche Meinung über HipHop negativ prägt ist unumstritten. Jedoch schließe ich mich mit Künstlern wie Soulja Boy im Hinterkopf der letzten Aussage nicht zu 100% an. Ich hab eine Pistole, du hast keine Pistole. Du hast, du hast. 4x Kehrvers (siehe oben) Legende: Songtext Interpretation Für Rechtschreibfehler im Songtext möchte ich keine Haftung übernehmen, da dieser größtenteils vom MZEE-Forum adaptiert und an einigen Stellen sinnvoll ergänzt wurde.

Kommentare:

  1. Sehr interessante Idee, nur ein kleiner Fehler: Hoes und Drive-Bys. Wüßte auch nicht, was das Wort Writers dort zu suchen hätte...

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  2. Vielen Dank für Ihren Beitrag,

    ich habe bei Writers auch gestutzt, allerdings auch keine sinnigere Alternative als das MZEE-Forum ersonnen.

    Herzlichst,
    Herr Merkt

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  3. richtig gute idee. find ich sehr nett..

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  4. wie wärs mal mit ner herausforderung? interpretation von sonnenbank flavor ;)

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  5. Schöne Idee, gut gemacht.

    Nur der Gedankensprung zu Vanilla Ice ist mir nie gekommen. Und irgendwie wüsste ich auch nicht inwiefern der was mit Designermarken und teuren Accesoires zu tun haben sollte.

    Für mich stand und steht das Ice in der Line einfach für Bling-Bling.

    http://www.urbandictionary.com/define.php?term=ice

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  6. richtig gut!

    den link werde ich gleich mal weiterleiten
    .,.. an einen verspießten schulkolegen, der mir jedes mal erzählen will wie sinnlos dieses lied ist!

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  7. Ich glaube zwar nicht, dass "Ice" in diesem Kontext für Schmuck verwandt wurde (Video von Ice?), schließe mich allerdings an, dass der Sprung zu Vanilla Ice mir auch nicht so ganz gelungen ist. Meiner Meinung nach ist "Ice" als Verkürzung von "Ice Cube" zu verstehen, der durchaus im Laufe seiner Karriere den Modefaktor in seinen Videos hat ansteigen lassen.

    Aber natürlich insgesamt ein sehr sehr guter Artikel, vielen Dank dafür...

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  8. Geiles Interview auf Rap.de!

    http://rap.de/features/962

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